ter6
Der Anfang vom Ende
1. November 2016
kiew

D er Mann mit dem Pinsel in der Hand tupft noch ein wenig weiße Farbe auf. Dann hält er inne, tritt einen Schritt zurück, legt den Kopf leicht zur Seite und betrachtet sein Werk. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, als wollte er sagen:

— Soll ich noch etwas dicker auftragen, rund um den Mund?
Bitte, was?

— Soll ich rund um den Mund herum …
Ach so, ja, gern. Entschuldige! Gern dicker auftragen, unbedingt sogar!
— Was liest du denn da Fesselndes?
Wie?
— Was liest du denn
Ach, die geistigen Ergüsse eines Hirnforschers. Guter Mann, sehr guter Mann! Ist nebenbei Philosoph.
— Passt das denn zusammen?
Wieso, was?
— Na, Hirnforscher und Philosoph, und dann noch Ergüsse, ich bitte dich!
Warum denn nicht?
— Hmmm.
Raus mit der Sprache! Wir sind unter uns.
— Also, ich für meinen Teil denke bei Ergüssen … Jedenfalls denke ich nicht an das Gehirn oder den Geist und erst recht nicht an die Liebe zur Weisheit.
Sondern?
— An einen Frauenkörper selbstverständlich, an einen geschmeidigen Körper mit samtweicher Haut, biegsamen Elfenbeinen und wogenden
Du nun wieder!
— Ja, ich nun wieder! Ich glaube halt an die Liebe an sich.
Soso, du glaubst. Bravo! Du glaubst an die Liebe an sich. Bravissimo! Glaubst du auch, du könntest ohne Gehirn irgendwelche Ergüsse haben?
— Etwa nicht?
Nein.
— Schade. Das ist aber wirklich schade!

[Schweigen]

Wie kommst du überhaupt auf biegsame Elfenbeine?
— Nur so.
Das ist gar nicht schlecht, mein Lieber, Hut ab! Aus dir wird eines Tages noch ein Poet.
— Danke.
Dafür nicht!

[Schweigen]

— Halt mal still, bitte! Dass du überhaupt lesen kannst, wenn ich an dir rumwerkele …
Alles eine Frage der Körper- und der Selbstbeherrschung. Apropos Selbst, hör dir das mal an: »Verstehe dich selbst!« – so lautet die antike Aufforderung, und ebenso heißt es: »Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung!« Die Lebenserfahrung sagt uns allerdings, dass eine solche Selbsterkenntnis in aller Regel erst in einigem räumlichen und zeitlichen Abstand und damit in einem ganz anderen Kontext möglich ist, und auch dann mögen wir über die Frage grübeln: »Was hat mich damals getrieben?«
— Na, und? Das kennt doch jeder. Was ist daran so Besonderes?
Warte mal, warte! Genau, hier war’s: Um die Frage zu beantworten, warum dies so ist, müssen wir uns noch einmal vergegenwärtigen, dass diejenigen Hirnzentren, die unsere Denk- und Gefühlswelt und schließlich unser Handeln in seinen Grundzügen bestimmen, außerhalb der assoziativen Großhirnrinde liegen und deshalb dem bewussten Erleben nicht direkt zugänglich sind. Die Anteile unserer Persönlichkeit, die sich vor dem dritten und vierten Lebensjahr ausgeformt haben, sind uns aufgrund der »infantilen Amnesie« grundsätzlich unzugänglich
— Entschuldige, aber was soll das heißen: vor dem dritten UND vierten Lebensjahr? Alles, was vor dem dritten Jahr war, war doch wohl auch vor dem vierten Jahr! Das hatten wir in der dritten Klasse, glaube ich, vielleicht auch in der vierten, jedenfalls in der Grundschule, naive Mengenlehre: Die ersten drei Lebensjahre sind eine Teilmenge der ersten vier Jahre.
Ist das so?
— Selbstverständlich!
Ist denn die Vergangenheit eine Teilmenge der Gegenwart?
— Hmmm. Vielleicht hätte ich in der fünften Klasse auch noch aufpassen sollen, aber da saß neben mir in der letzten Reihe diese lustige Rothaarige …
Nabokov hat einmal geschrieben: Die für mich verlockendste Vorstellung – dass es keine Zeit gibt, dass alles Gegenwart ist, die wie ein Leuchten außerhalb unserer Blindheit liegt –, ist eine ebenso hoffnungslos endliche Hypothese wie alle übrigen.
— Und so etwas kannst du dir merken und bei Bedarf aus dem Ärmel schütteln? Alle Achtung!
Das ist mein Beruf, mein Lieber, schon vergessen?
— Na, meinetwegen. Apropos Blindheit: Was machen wir mit deinen Augen? Das gefällt mir noch nicht …
Herrje, ja, die Augen, es sind immer die Augen! Hast du eine Idee?
— Linsen?
Um Gottes willen, bloß nicht! Da muss ich immer plinkern, und alle denken, ich hätte einen Tic oder eine Fliege im Auge oder ich könnte nicht
— Gutgutgut, schon gut, dann versuch ich’s mal mit etwas mehr Schatten.
Schatten? Bist du sicher?
— Ja, einen Versuch ist es wert. Mund zu, Augen zu, stillhalten!

 

augen

 

— Augen wieder auf! Und?
Hmmm, was soll ich sagen? Ich sehe keinen Schatten, höchstens den Schatten eines Schattens.
— Aber nachher, auf der Bühne, bist du tot. Die Schöne schließt dir die Augen, und alle sehen meinen grandiosen Schatten.
Alle, außer mir, wohlgemerkt. Außerdem sterbe ich erst im Epilog!
— Egal, tot ist tot.
Tja, vielleicht.

[Schweigen]

Vielleicht auch nicht. Wo war ich eigentlich stehengeblieben? Bei der infantilen Amnesie, glaube ich, genau, hier: … sind uns aufgrund der infantilen Amnesie grundsätzlich unzugänglich –
— Lies ruhig laut weiter, bitte!
Gern! Amnesie grundsätzlich unzugänglich, ebenso all diejenigen Dinge, die uns beeinflussen, ohne dass wir etwas davon merken. Hierzu gehören die »Einflüsterungen« des limbischen Systems — 
— Wie schön, unser Souffleur darf diesmal auch mitspielen! Das gönne ich ihm, das gönne ich ihm wirklich! Er leidet so sehr unter
Ja, er ist als Einziger immer voll bei der Sache. Also. Noch mal: Hierzu gehören die »Einflüsterungen« des limbischen Systems und schließlich die vielen Dinge, die wir einmal bewusst erlebt haben, die zwar ins unbewusste Gedächtnis abgesunken, aber dennoch in uns wirksam sind. Aufgrund seiner besonderen Konstruktion kann der assoziative Cortex als bewussteseinschaffendes System die von außen eindringenden Einflüsse
— Das versteht kein Mensch!
nicht von den selbstgenerierten Zuständen unterscheiden. Punkt. Unterbrich mich doch nicht ständig! Willst du gefühlsduseln, stänkern oder etwas lernen?
— Lernen, selbstverständlich! Was ist das limbische System? Was ist der assoziative Dingenskirchen? Und vor allem
Cortex!
— Meinetwegen. Und vor allem: Warum schafft er Bewusstsein?
Warum?
— Ja, warum?
Hmmm.

[Schweigen]

— Stillhalten, sage ich!
Jaja. Bei Dostojewski steht: Ich schwöre Ihnen, meine Herrschaften, dass zu viel Bewusstsein eine Krankheit ist, eine richtige, regelrechte Krankheit!
— Nabokov, Dostojewski: Was hast du bloß immer mit diesen Russen?
Es sind kluge Leute, wenn auch krank, richtig und regelrecht krank.
— Wie wir alle.
Kann man so sagen. Also: Das limbische System ist unser Gefühlshaushalt.
— Verstehe: Unter dem Strich steht die schwarze Null.
Sehr lustig. Weiter! Der assoziative Cortex managt das Bewusstsein, ergo den Geist. Zusammen ergibt sich daraus nach Adam Riese die Seele.
— Soso, Adam Riese. Wie heißt dein tolles Buch eigentlich?
Fühlen, Denken, Handeln: Wie das Gehirn unser Verhalten steuert.
— Aha, steuert, verstehe! Verstehe … Im Sinne von lenkt?
Ja, im Bulgakowschen Sinne: Wenn es keinen Gott gibt, wer lenkt dann eigentlich das menschliche Leben? Apropos, um noch einmal Dostojewski zu zitieren: Worüber kann ein anständiger Mensch mit dem allergrößten Vergnügen reden? Na, was meinst du? Worüber redest du mit dem allergrößten Vergnügen?
— Keine Ahnung. Über Frauen. Fußball?
Unsinn! Antwort: über sich selbst. Der Mensch redet am allerliebsten über sich selbst.
— Wir drehen uns im Kreis, kann das sein?

[Schweigen]

— O, hast du mal auf die Uhr geguckt?
Ja, mach hin, ich muss gleich raus.
— Hmmm, ich müsste aber die Nase noch etwas schärfer konturieren, und auch die Ohren ―
Ist doch beides gut zu sehen, findest du nicht? Gerade in Kombination mit der Halbglatze
— Es sind drei!
Bitte, was?
— Zwei Ohren plus eine Nase, das macht nach Adam Riese drei.
Soso, Adam Riese. Du hättest Mathematiker werden sollen!
— Wie wir alle. Ich muss da noch mal ran an die drei, tut mir leid!
Na, meinetwegen. Sollen Sie eben ohne mich anfangen, he-he. Also: Aufgrund seiner besonderen Konstruktion kann der assoziative Cortex als bewusstseinsschaffendes System die von außen eindringenden Einflüsse
— Das hatten wir schon!
nicht von den selbstgenerierten Zuständen unterscheiden. Die plötzlich auftauchenden Wünsche, Absichten und Vorstellungen werden empfunden als unsere eigenen Wünsche, Absichten und Vorstellungen; unser Ich schreibt sie sich selbst zu, denn woher sonst sollten sie kommen! Hier müsste doch wohl ein Fragezeichen stehen: Woher bla bla lallalaa … Stimme nach oben, Fragezeichen! Na, egal.
Jedoch ist dadurch nicht alles sofort stimmig;
— Meine Rede!
da gibt es störende Vorstellungen, unbillige Absichten, quälende Wünsche.
— Ich kann so nicht arbeiten! Du musst schon mal stillhalten, sonst
Herrje, ja,ist ja schon gut! Wer ist hier eigentlich der sensible Künstler, du oder ich?
— Halt still und lies weiter, bitte! Quälende Wünsche, lautet das Stichwort.
Ja-ha-haa, quälende Wünsche, da bist du hellwach, was? Knickknack, knickknack, zwinkerzwinker, ein wenig an der Hüfte klimpern, was? Ich sage nur: biegsame Elfenbeine! Na, macht nichts …

 

 

… da gibt es störende Vorstellungen, unbillige Absichten, quälende Wünsche. Unser Ich hat aber in seinem Reich für Plausibilität zu sorgen, und deshalb werden Störungen korrigiert, indem Vorstellungen, Absichten und Wünsche so lange verändert und verbogen werden, bis sie ein rundes Bild ergeben – ein Bild, das uns ein subjektiv befriedigendes Handeln ermöglicht.
— Verstehe ich das richtig: Das bewusste Ich maskiert sich ständig selbst, um uns ein Handeln zu ermöglichen, also, ein zufriedenstellendes Handeln?
Könnte man so sagen.
— Das gefällt mir! Das lobe ich mir! Das ist großartig!
Ruhig, Brauner, es geht noch weiter: Hierzu gehört selbstverständlich auch, dass die Folgen unserer Handlungen in ähnlich passend-machender Weise bewertet werden. Dieses Passend-Machen ist im Erwachsenenalter im Wesentlichen sprachlich bedingt, denn unser bewusstes Ich ist im Gegensatz zum unbewussten Ich ein weitgehend sprachlich vermitteltes Wesen.
— Und das unbewusste Ich? Wie vermittelt sich das unbewusste Ich? Und wer von beiden handelt denn nun eigentlich?
Keine Ahnung! Warte mal, warte, warte, warte … blablabla … tralala … Hier vielleicht:
Hinsichtlich der Möglichkeiten, unser eigenes Handeln zu verstehen … blaaa … Ja, hier: Wir werden massiv von unserem Unbewussten beeinflusst, ohne genau zu wissen, was dabei mit uns passiert; wir verstehen die Sprache des Unbewussten nicht.
— Echt wahr?
Da wir aber all unser Fühlen, Denken und Handeln vor uns selbst und insbesondere auch vor den anderen sprachlich-logisch rechtfertigen müssen, erfinden wir ständig Geschichten — 
Oh, es klingelt, ich muss raus! Durch diese hohle Gasse MUSS er kommen, he-he. Danke dir, gute Arbeit!
— Na, dann viel Spaß! Die Bude ist voll heute Abend, mach was draus!
I’ll do my very best! Wenn ich nur nicht gleich im ersten Bild splitterfasernackt dastehen müsste. Ich hasse das! Ein Drittel des Publikums ist immer schon pikiert, bevor ich ein einziges Wort
— Hast du die Pikierten gezählt?
Außerdem schrumpft mein Schniedel immer auf der Bühne, es ist ein Trauerspiel.
— Na ja, so wirkt’s immerhin realistischer.
Realistisch? Wir sind im Theater, schon vergessen?
— Wie könnte ich? Die Bretter, die die Welt bedeuten, unsere Welt …
Genau die!
— Das Tarifgehalt nicht zu vergessen!
Könntest du am Schniedel nicht noch schnell etwas nachbessern? An der Nase ging’s doch auch! Und an der Nase eines Mannes
— Nein, das ist das Lampenfieber, da bin ich machtlos. Da ist der ganze Mann gefordert. Jetzt hat’s zum zweiten Mal geklingelt.
Ich hasse es!
— Tja, mein Lieber, wie sagtest du vorhin? Es ist alles eine Frage der Körperbeherrschung.
Und der Selbstbeherrschung!
— Meinetwegen. Nun aber los, raus mit dir, ab durch die hohle Gasse! Es ist dein Beruf, schon vergessen?
Ich hasse es trotzdem! Wie ich diese Gasse hasseHassen, ganz hässlich hassen, ich kann’s nicht lassen: Ich bin der Hass!
— Na, geht doch!