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Tokarczuk(k)

D ie Zeiten der großen politischen Schriftsteller scheinen in Deutschland zumindest vorerst passé zu sein. Günter Grass ist tot. Hans-Magnus Enzensberger machte zuletzt nur noch mit verständlichen, aber seltsam altväterlichen Attacken auf die Digitalisierung der Sprache von sich reden. Und jüngere Autoren und Autorinnen wie Eugen Ruge (52, In Zeiten des abnehmenden Lichts, Follower) und Juli Zeh (42, Unterleuten) üben sich als Putin-Versteher oder Mainstream-Texter.

In Polen liegen die Dinge anders. Es ist kein Zufall, dass der Nike-Preis, die wichtigste Literaturauszeichnung des Landes, 1997 von der linksliberalen, dezidiert politischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza ins Leben gerufen wurde. Entsprechend politisch sind auch die meisten Werke, die gekürt werden, was nicht heißt, dass es um schnöde Tagespolitik ginge. Die Grundbedingungen und die Wirkungen des Politischen sind das übergreifende Thema. Und so ist es eben auch kein Zufall, dass Olga Tokarczuk den Preis als einzige Autorin bereits zweimal gewonnen hat, zuletzt 2015, kurz vor dem Wahlsieg der rechtsnationalen PiS-Partei.

Viele Nationalisten in Polen halten die 54-jährige Tokarczuk, die aus Sulechów bei Zielona Góra im Lebuser Land stammt und lange in Niederschlesien gelebt hat, für nichts anderes als eine schnöde Nestbeschmutzerin ihrer Heimat. In der aufgeheizten Stimmung nach dem PiS-Wahlsieg erhielt die Schriftstellerin sogar wiederholt Morddrohungen. Anlass dafür bot ihr jüngstes Werk, Die Bücher Jakobs (2014), das die ruhmreiche Geschichte der frühneuzeitlichen Adelsrepublik Polen in das Zwielicht des Antisemitismus taucht.

Die Übersetzung des 1000-Seiten-Wälzers ins Deutsche, der von vielen Kritikern hoch gelobt wurde, ist in Arbeit. Wer allerdings noch nie ein Buch von Tokarczuk gelesen hat, was wahrscheinlich auf die große Mehrheit der Deutschen zutrifft, dem sei zum Einstieg der Erzählungsband Spiel auf vielen Trommeln empfohlen (Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2006, 144 Seiten).  Ich habe das Büchlein kürzlich wieder hervorgeholt und war einmal mehr erstaunt, mit wie wenig Tamtam Tokarczuk auskommt, frei nach dem Lied über einen kleinen Trommler aus der Titelgeschichte des Buches :

 Es sagt der kleine Trommler uns
in der kalten Winternacht:
Was ich euch hier bringen kann
ist weder Gold‘ noch Steine Pracht,
sondern nur ein Lied taram taram tamtam.

Es geht in dem Band, kurz gesagt, um Menschen, die mit unerwarteten, grundlegend neuen Verhältnissen in ihrem Leben konfrontiert werden, und um die Frage: Was macht das mit ihnen? Zugegeben, das ist eine typische Psychologen-Frage. Wie auch anders? Tokarczuk hat in den 80er Jahren in Warschau Psychologie studiert und später in Breslau und Wałbrzych als Therapeutin gearbeitet. Zugleich ist die Frage nach dem Umgang mit dem Neuen, Unerwarteten, in Zeiten der Globalisierung, dieses drastischen Weltenwandels, zweifellos hoch politisch. Eine unerhört spannende Lektüre sind Tokarczuk-Bücher allemal!