Rabab
Marschmallow
7. Dezember 2017

A ugenzeugen täuschen sich immer. Sie irren sich mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit. Sie mögen noch so ehrlich schwören, nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit. Sie legen dennoch falsch Zeugnis ab, unvermeidlich, ohne eine einzige Ausnahme. Selbstverständlich handeln diese ehrlich Schwörenden nicht vorsätzlich falsch, jedenfalls nicht im klassischen Sinn. Man wird ihnen deshalb auch keinen Verstoß gegen Recht und Gesetz vorwerfen können, einen Meineid zum Beispiel, der hierzulande mit Freiheitsentzug bis zu 15 Jahren bestraft wird, oder eine Sünde im Sinne des achten Gebots. Man wird ihnen überhaupt nichts vorwerfen können.

In Wahrheit nämlich gehören Täuschungen und Irrtümer zum Menschsein dazu wie der Herzschlag und die Atmung. Das ist meine feste Überzeugung. Natürlich weiß ich, dass man den Körper eines Menschen an eine Herz-Lungen-Maschine anschließen kann, ohne dass dieser Körper sofort aufhörte, ein Mensch zu sein. Ich habe das sogar am eigenen Leib erfahren. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich lieber nicht erzählen möchte, und das Wissen um die segensreiche Funktion einer Herz-Lungen-Maschine ändert auch nichts an meinen Überzeugungen.

Ich spiele hier ohnehin keine Rolle. Es geht mir nicht um mich. Es geht um Kodō. Um Kodō und Rillke. Und um Tina, Kris und Klara, den armen Schopenhauer nicht zu vergessen. Es geht um die Neuropsychologin Frau Dr. Roth und den Anästhesisten, der im richtigen Augenblick am richtigen Rädchen gedreht hat. Es geht um den alten Puppenkünstler Momosuke und den Mönch Daisuke, um Kodōs Eltern Max und Yukiko, um Rillkes Anwältin und um all die anderen, von denen ich leider viel zu wenig berichten kann. Nicht zuletzt geht es mir aber auch um den Professor. In gewisser Hinsicht geht es mir sogar vor allem um den Professor, schon weil ich ohne den Professor rein gar nichts über Kodō, Rillke und all die anderen wüsste und folglich auch nichts über sie erzählen könnte.

Der Professor war es im Übrigen auch, der von Anfang an behauptet hat, dass sich Augenzeugen immer täuschen, ausnahmslos. Wenn ich ehrlich sein soll, hat er mich in meinen Überzeugungen sogar derart bestärkt, dass ich gar nicht mehr sicher sagen kann, was dabei von mir stammt und was ich von ihm übernommen habe. Er war ein unerhört belesener und kluger Mensch, dieser arme Mann, und das war wohl auch der Grund dafür, dass ihn alle nur den Professor nannten. Irgendwann hatte er sogar selbst begonnen, sich den Professor zu nennen. Witzigerweise habe ich ihn damals, als ich ihn kennenlernte, auch sofort als »Herr Professor« angesprochen, obwohl er sich mit seinem gar nicht so komplizierten Namen vorgestellt und den Titel nur erwähnt hatte, der Vollständigkeit halber oder aus Gewohnheit. Wenig später ließ ich auch den Herrn weg und forderte ihn nur noch auf: »Erzählen Sie, Professor, bitte.«

Ich lernte den Professor vor dem rot-weißen Flatterband eines polizeilich abgesperrten Tatortes im beschaulichen Frohnau kennen, im äußersten Norden von Berlin, wo sonst nie etwas passiert, gemessen an Berliner Verhältnissen. An diesem Freitag jedoch war eine Apotheke überfallen worden, und der Täter hatte mit seinem Messer eine Angestellte tödlich verletzt. Er war über den Tresen gesprungen, hatte sie gepackt und ihr die Klinge von hinten an den Kehlkopf gepresst, bis der zitternde Apotheker den Giftschrank aufgeschlossen hatte. Im selben Moment hatte der Räuber seine Geisel losgelassen, um sich über seine toxische Beute herzumachen. Dabei hatte er ihr den Hals aufgeschlitzt, vermutlich aus Versehen, aber das änderte nichts. Das Messer war abgerutscht und hatte eine Arterie durchtrennt. Die Frau verblutete in den Armen des hilflosen Apothekers.

Hierzulande gilt die Unschuldsvermutung, aber es bestand doch ein klarer Anfangsverdacht auf ein Tötungsdelikt, und so zogen die Polizisten ihr Flatterband auf, das seinem Namen alle Ehre machte, denn es wehte eine frische Septemberbrise. Das Band schlug heftig im Wind, als wollte es all die Menschen zusammentrommeln, die wir so gern abfällig die Schaulustigen nennen und noch lieber als Gaffer schmähen, pfui, zumal es immer die anderen sind, die gar nicht genug bekommen können von Blut, Mord und Totschlag.

Ich persönlich glaube, dass es sich anders verhält. Ich glaube, dass sich im Angesicht des Todes, noch dazu eines gewaltsamen Todes, ein Riss im Sein auftut, ein tektonischer Bruch, der unser Inneres spaltet und für einen kurzen Moment den Blick in den Abgrund freigibt. Wir sehen uns in diesem sterbenden Menschen selbst sterben. Wir sehen in seinem Tod unseren Tod und in seinem Blut unser Blut, wohl wissend, dass der Kelch ein letztes Mal an uns vorübergereicht worden ist, dass uns eine allerletzte Gnadenfrist bleibt. Genau deshalb sind wir so abgrundtief erleichtert, und es ist eben diese Mischung aus Abgrund und sehnsüchtigem Schweben, die uns bannt, wenn wir vor einem Flatterband stehen und gaffen. Es ist die Flugangst des Lebens, die uns in die Sitze presst und aus dem Fenster starren lässt: Ist die Welt nicht wunderschön?

Belarus1Uns Menschen stehen nicht sehr viele Instrumente zur Verfügung, um uns aus einem solchen Bann zu lösen. Reden hilft fast immer. Man wendet sich von dem Spalt im eigenen Innern ab und anderen Menschen zu. Man hakt einander unter und tröstet sich. Oder man beginnt zu streiten. Auch das kann helfen. Vor dem Flatterband in Frohnau standen, inmitten all der Entsetzten, einige Augenzeugen, die gesehen haben wollten, wie der Täter in einem Kleinwagen davongerast war, und diese Zeugen ließen nicht nur die Polizei, sondern uns alle freigebig an ihren Täuschungen teilhaben, die sie für echtes, exklusives Wissen hielten.

Ich selbst sah die Szene bald vor mir: Der maskierte Mann stürmte aus der Apotheke, sprang in sein Auto und versuchte zu starten, aber der Motor soff ab. Erst beim dritten Versuch klappte es. Mit quietschenden Reifen umkurvte er den Ludolfinger Platz und verschwand in einer der vielen Seitenstraßen, im Karmeliterweg, hätte ich behauptet, wenn man mich gefragt hätte.

Aber war das Fluchtfahrzeug nun kupferbraun oder rostrot lackiert? Das war die Frage, um die sich vor dem Flatterband alles zu drehen begann. Die Zeugen stritten sich von Minute zu Minute heftiger, und hätten nicht die protokollierenden Polizisten danebengestanden, wären zwei ältere Damen vermutlich sogar hangreiflich geworden. Die Wirklichkeit behauptete später, dass es sich bei der Lackierung um den Farbton 2002 der normierten RAL-Tabelle Classic gehandelt habe, also um Blutorange, und die Wirklichkeit konnte dabei auf das gestohlene Fluchtfahrzeug verweisen, das inzwischen auf einem Waldparkplatz entdeckt worden war, drei Tage nach der Tat. Der Professor dagegen wusste von Anfang an noch viel mehr. Er wusste von dem Abgrund, von der Gnadenfrist und auch alles Übrige.

Wir standen vor dem Flatterband zufällig nebeneinander, und ich merkte schnell, dass mit ihm etwas ganz und gar nicht stimmte. Er war nicht bloß entsetzt wie wir anderen. Er reagierte überhaupt nicht mehr, auch nicht auf die Tumulte. Er stand buchstäblich neben sich. Ich kniff sogar kurz die Augen zusammen, weil ich ihn als Doppelbild zu sehen glaubte, vermutlich eine Stressreaktion meines eigenen Gehirns. In Wirklichkeit gab es natürlich nur einen Professor, dem aber alle Farbe aus dem Gesicht gewichen war. Ich bekam, nach all den schlimmen Nachrichten aus der Apotheke, einen weiteren Schreck und sprach ihn laut an. Ich fragte ihn zweimal, ob es ihm gut gehe. Ob alles in Ordnung sei. Er nickte kaum merklich, und so stellte ich mich als Schriftsteller vor. Das war ziemlich dick aufgetragen, erfüllte aber seinen Zweck. Er wandte sich von dem Abgrund in seinem Innern ab und mir zu. In seine Wangen kehrte ein wenig Blut zurück.

Er nannte seinen Namen und den Titel. Ich freute mich darüber und redete einfach weiter. Ich redete irgendwelchen Unsinn über das allzu fruchtbare Wechselspiel zwischen Tod und Literatur. Ich nannte, glaube ich, Dostojewski als Beispiel, den die Henkersknechte des Zaren einst auf das Schafott geführt hätten, bevor sie ihm lachend die Begnadigung verkündeten. Ich weiß natürlich nicht, ob in der Szene irgendein Henkersknecht gelacht hat, aber ich stelle es mir immer so vor. Warum sonst sollte man Henker werden? Auftragskiller, meinetwegen. Das kann etwas Ehrbares haben. Aber Henkersknecht? Es muss sich also folgendermaßen abgespielt haben: Die Schergen des Zaren verbanden dem Mann mit dem überlegenen Geist und den weichen Händen die Augen. Dann warteten sie eine Weile, voller Vorfreude auf den großartigen Scherz. Schließlich erteilte der Chefhenker Seiner Majestät den üblichen Befehl: Hebt das Gewehr, zum Schuss fertig, legt an. Und dann haben sie gelacht, statt zu schießen. Gnade gehe vor Recht.

Wer nach solch einer Erfahrung keine dicken Romane schreiben könne, erklärte ich dem Professor, sei selbst schuld. Ich bot ihm auf diese Weise an, sich seelisch bei mir unterzuhaken. Und er tat es. Er lud mich kurzerhand zum Mittagessen ein. Damals war ich nicht nur verblüfft, sondern vor allem hochzufrieden mit mir und meiner Art, einen Menschen durch bloßes Reden für mich gewonnen zu haben. Ich sah darin das Zeichen einer echten Begabung für die Schriftstellerei, der ich mich verschrieben hatte, nachdem die Sache mit der Herz-Lungen-Maschine gut ausgegangen war. Heute weiß ich, dass ich die Einladung allein der Situation am Flatterband zu verdanken hatte. Der Professor wollte dort unbedingt weg, so schnell wie möglich, konnte sich aber nicht rühren. Er war wirklich und wahrhaftig gelähmt. Er konnte sich nicht bewegen, bis ich ihn mit meinem Geschwätz erlöste.

Beim Essen ließ ich meiner Erleichterung freien Lauf. Ich redete und redete und kam bald wieder auf die Farbe des Fluchtwagens zu sprechen, der zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht gefunden war. Ich brachte den Gedanken einer Gegenüberstellung ins Spiel. Man könne die Zeugen doch durch diverse Autosalons führen und auf einen Wiedererkennungseffekt hoffen. So viele rostrote oder kupferbraune Lackierungen werde es schon nicht geben, spekulierte ich, und bei dieser Gelegenheit könne man auch gleich den Fahrzeugtyp bestimmen. Ich steigerte mich in eine Art kriminalistische Rage hinein.

Der Professor schwieg zu alledem, und erst als ich ihn nötigte, ließ er sich auf ein Gespräch ein. Rostrot und Drachenblutbraun, erklärte er, bezeichneten bestenfalls das, was das visuelle System eines Menschen wahrnehme, wenn elektromagnetische Strahlen im Terahertzbereich – genauer könne er es aus dem Kopf leider nicht sagen – durch Pupille, Linse und Glaskörper auf die Retina fielen und entsprechend weiterverarbeitet würden. Wer etwas anderes behaupte, lüge. Er rede sich und anderen etwas ein, was nicht existiere.

Drachenblutbraun? Ich war irritiert, nickte aber. Ich begriff nicht, dass sich der Professor, im Gegensatz zu mir, noch längst nicht von dem Schock am Flatterband erholt hatte und auch nicht mehr erholen würde. Nun gut, sagte ich leichthin, dann liege die Farbe also im Auge des Betrachters, genau wie die Schönheit. Das sei doch wunderbar. Ich schlug vor, auf die Schönheit zu trinken und dabei die Liebe nicht zu vergessen, wie ich es von den Russen gelernt habe. Aber selbst an diesen harmlosen Formulierungen meldete der Professor Zweifel an. Er wandte ein, dass wir über die Dinge an sich zwar viel behaupten, aber rein gar nichts sagen könnten, jedenfalls nichts Belastbares, weder über die Farbe noch über das Auge des Betrachters und erst recht nicht über die Schönheit und die Liebe. Ich hob trotzig mein Glas und trank, ohne mit ihm anzustoßen, auf die Frauen.

Nun jedoch geschah etwas, was ich schon nicht mehr für möglich gehalten hätte. Der Professor lächelte, wenn auch gespenstisch schief. Kurz dachte ich an einen Schlaganfall, aber das war es nicht. Es war, wie ich heute weiß, die schiere Verzweiflung, die einen Mundwinkel nach unten zog. Eine Weile herrschte Schweigen. Dann hob er plötzlich seinerseits das Weinglas und trank auf etwas, das er aber nicht aussprach. Er trank sein Glas sogar in einem Zug leer.

Es müsse wunderbar sein, erklärte er schließlich, sich allein der Kunst verpflichtet zu fühlen. In einem anderen Leben hätte er auch Schriftsteller werden wollen. Er sei aber Philosoph, obwohl man ihn zu Recht den Professor nenne. Er sei deshalb allein der Wahrheit verpflichtet oder wenigstens der Suche nach der Wahrheit. Der Erkenntnis. Ich protestierte, das versteht sich von selbst, auf das Schärfste. Als Künstler sei ich der Wahrheit mindestens ebenso verpflichtet wie der Schönheit, konterte ich, ohne zu bemerken, dass ich dem Professor die Worte im Mund herumdrehte und mich dabei en passant zum Künstler aufschwang, der ich definitiv nicht bin.

Aber sei’s drum. Schon damals ging es nicht um mich, sondern um Kodō, wie sich im nächsten Augenblick herausstellen sollte. Wenn irgendein Mensch der Wahrheit auf den Fersen sei, behauptete ich, dann müsse es ein Künstler sein, schon weil Künstler nicht von der Logik behindert würden oder von erkenntnistheoretischen Erwägungen. Als Schriftstellter zum Beispiel könne man direkt sagen, was man denke und fühle. Und weil ich es so schön behauptet hatte, tat ich es. Ich sprach aus, was ich dachte und fühlte: Ob er mir nicht sagen wolle, welche schöne Frau ihm das Herz gebrochen habe.

»Kodō.«

Der Professor antwortete sofort. Ein Reflex, könnte man meinen und mir vorhalten, dass ich ihn überrumpelt hätte. In Wirklichkeit war es genau andersherum. Er erwischte mich auf dem falschen Fuß. Kodō. Ich wiederholte das fremde Wort, ohne auch nur ein Fragezeichen anzudeuten. Es war im höchsten Maße seltsam. Kaum hatte ich den Namen gehört, musste ich ihn aussprechen. Ich war infiziert. Der Professor muss es gesehen oder wenigstens gespürt haben. Er fasste endgültig Vertrauen zu mir, so wie sich kranke Menschen solidarisieren. Ja, Kodō. Er wiederholte den Namen ein drittes Mal und nickte. So fanden wir zueinander. Der Professor nutzte den folgenden Herbst, sich die Last seines Lebens von der Seele zu reden, und ich bekam endlich Zugang zu meinen Ahnungen, worüber zu schreiben sich lohnen könnte.

HINWEIS: Bei diesem Text handelt es sich einmal mehr um einen Romananfang, den ich nicht weitergesponnen habe.