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Der Anfang vom Ende
1. November 2016
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Aus nichtigem Anlass
26. Januar 2017
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R unde Geburtstage, das ist bekannt, sind die Vulkankegel des menschlichen Lebens. Die einen nutzen die Gunst der glücklichen Stunde, erklimmen den Kraterrand und tanzen johlend um ihr brodelndes Selbst herum wie kleine Kinder, die von nichts eine Ahnung haben. Andere, die Argwöhnischen und ewig Misstrauischen, ziehen sich zum Horizont zurück und beobachten aus der Ferne, wie Rauch aufsteigt, mächtige schwarze Wolken, die von künftigen Katastrophen künden. Wieder andere erleben live, 3-D und in Farbe mit, wie ihnen die rotglühenden Trümmer der eigenen Seele um die Ohren fliegen. Schließlich gibt es die große Zahl der Lauwarmen, in deren Adern kein Magma kocht, sondern schnödes Blut fließt.

Nur sehr wenige Menschen fügen sich in keine dieser vier klassischen Kategorien. Wer das Wesen dieser Sonderlinge ergründen will, der muss graben, der muss in die Tiefe vordringen, muss die Herzkammern der unterirdischen Gesteinsschmelze anbohren und den Gehalt an Siliciumdioxid bestimmen, SiO2, das bei der Herstellung von besonders temperaturwechselbeständigem Spezialglas eine herausragende Rolle spielt. Auch das ist bekannt. Solches Quarzglas wiederum findet unter anderem in Sicht- und Messfenstern von Hochöfen Verwendung, jenen modernen Zauberkesseln, in denen wahre Höllenfeuer angeblasen werden, Feuer, die ohne nennenswerte Schwierigkeiten oder den Einsatz eines Pürierstabes selbst australisches oder brasilianisches Eisenerz in blubbernde Kürbiscremesuppe verwandeln.

Es gab eine Zeit der Himmelsritte, nicht lange ist es her, da bestanden die Fenster von US-Space-Shuttles ebenfalls aus Quarzglas. Das war eine typisch menschliche Vorsichtsmaßnahme angesichts der extremen Temperaturunterschiede, die im Weltraum herrschen, wobei dem Raum an sich natürlich überhaupt keine Temperatur zukommt, sondern nur der Materie und der Energie, die in ihm vorhanden sind, die also existieren, warum auch immer.

Die kosmische Mikrowellenhintergrundstrahlung zum Beispiel, die infolge des Urknalls das gesamte Weltall durchzieht, misst minus 270 Grad Celsius, leicht aufgerundet. Wir Menschen sprechen in solchen Fällen von Kälte, gern auch liebevoll-pöbelnd von Schweinekälte, obwohl wir es, genau genommen, selbst am absoluten Nullpunkt, bei minus 273,15 Grad Celsius, nur mit der Abwesenheit von Wärme zu tun haben, so wie Dunkelheit nichts anderes ist als die Abwesenheit von Licht, auch wenn der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe in seiner berüchtigten Farbenlehre von Experimenten mit Finsternisstrahlen berichtete, mit deren Hilfe er den längst verstorbenen, aber posthum unanständig populäreren Sir Isaac Newton widerlegt zu haben meinte.

Ich vermute fast, der gute Goethe, der in seinem herzoglich-piefigen Weimar festsaß wie Urmel im Eis, wollte dem weithin gerühmten Briten, den in London [!] eine leibhaftige Königin [!!] zum Ritter [!!!] geschlagen hatte, einfach mal ans skelettierte Bein pinkeln. Leider ging das in die eigene Hose. Er war halt kein Physiker, der Goethe, sondern Dichter, und man sollte es in der Dichtkunst mit der Wissenschaft nicht übertreiben. Umgekehrt gilt das selbstverständlich auch. Newton zum Beispiel, das ist weniger bekannt, versuchte sich nach Feierabend geradezu faustisch als Alchemist, ja, der Sir forschte wie manisch nach dem Stein der Weisen, etwa so, wie Captain Ahab später den weißen Wal jagte. In eigeweihten Kreisen galt Newton sogar als Magier, historisch betrachtet als letzter Magier, bevor es endgültig ernst wurde und die Aufklärung über Europa hinwegbrandete, eine Heimsuchung, weit mörderischer als die Pest-Pandemie von 1347 oder der Dreißigjährige Krieg. Am Ende starb sogar Gott.

Wie dem auch sei, jedenfalls fehlt es in den Weiten des Weltalls an Wärme. Scheint allerdings, nach dem Austritt aus dem Erdschatten, plötzlich die Sonne auf die Fenster eines orbital kreisenden US-Space-Shuttles, dann erhitzt sich das Glas schnell auf 120 Grad Celsius – plus, wohlgemerkt! Das klingt beachtlich. Wasser zum Beispiel dreht unter handelsüblichen Druckverhältnissen schon bei 100 Grad Celsius durch. Das ist bekannt? Gut. Umso besser! Für unser Quarzglas sind 120 Plusgrade aber Peanuts. Der Transformationspunkt von amorphem Siliciumdioxid, i.e. reines Quarzglas, liegt bei 1130 Grad Celsius, und da kann von Sieden und Verdampfen noch längst keine Rede sein, nicht einmal von Schmelzen, denn Glas schmilzt nicht gleich dahin wie verliebte Frauen, sondern wird erst einmal weich, wenn es zu warm wird. Es verformt sich, etwa so wie verliebte Männer.

Unter normalen Umständen halten die Fenster eines US-Space-Shuttles also problemlos durch. Ist allerdings der Hitzeschild des Rumpfes defekt wie weiland 2003 bei der Columbia, dann nützt alles Siliciumdioxid nichts. Dann war’s das. Dann zerlegt sich der Shuttle samt Astronauten beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre in seine Einzelteile. Dann rollen Köpfe, wie man so sagt, behelmte Köpfe. Und das ist noch nicht alles! Explodiert nach dem Start eines Shuttles der Außentank wie 1986 bei der Challenger, dann war’s das schon viel früher. Dann bekommt unser Quarzglas nicht einmal die Chance, sich im All zu beweisen. Dann kann man, wenn man will, von einem veritablen Fehlstart sprechen. Dann regnet’s verkohlte Knochenreste vom Himmel. Zurück bleiben Energie und Materie, warum auch immer, und zwar unter dem Strich ohne jeglichen Verlust oder Gewinn. Es ist und bleibt ein Nullsummenspiel.

 

 

Übrigens glaubte schon Albert Einstein beweisen zu können, dass es sich bei Energie und Materie im Wesentlichen um ein und dasselbe handelt. Nimmt man Einsteins theoretische Physik ernst, wofür es durchaus Gründe gibt, dann existiert

Lassen wir das! Das ist alles hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist, dass ein hoher Gehalt an Siliciumdioxid im Magma eines Menschen der fünften Kategorie auf ein außergewöhnlich komplexes und vor allem helles Wesen hindeutet. Der Volksmund spricht gern von Lichtgestalten, Sonnenkindern oder sogar von Engeln. So einfach ist es leider nicht. Umgekehrt kennzeichnet ein geringer Anteil an Siliciumdioxid ein mafisches Magma, das, keineswegs immer zu Recht, als primitiv gilt, in jedem Fall aber dunkel ist, mitunter sogar höllisch finster, kurz: Es fehlt an Licht. Bei Sadisten, Terroristen und Serienmördern kann der SiO2-Gehalt unter die magische Marke von 40 Prozent sinken. Im mafischen Magma dieser Sonderlinge

Bevor ich es vergesse: Der Begriff mafisch hat nichts mit der Mafia zu tun. Ma steht für Magnesium, f für Ferrum, also Eisen. Der Rest ist Wortbildung. Andererseits glaube ich nur bedingt an Zufälle, und so sei mir die Frage gestattet: Was bedeutet eigentlich Mafia? Woher stammt das Wort? Man weiß es nicht recht, und das ist doch immerhin interessant.

Aber sei’s drum! Ich habe mich ohnehin vergaloppiert, geradezu goethesk. Finsternisstrahlenmäßig. Ich höre schon Gegenstimmen. Was faselt der da? So fragen sie, die notorischen Nörgler und Wichtigtuer, die ihr eigenes Maß für das Maß der Dinge halten, womit sie gar nicht einmal falsch liegen. Man muss sie trotzdem nicht mögen, die notorischen Nörgler und Wichtigtuer, die mitten im ersten Premierenakt aufstehen und demonstrativ den Saal verlassen. Ich persönlich finde das zum Kotzen. Ich finde jedes Vorzeitig-den-Sall-Verlassen widerwärtig. Aber selbstverständlich haben die Vorzeitig-den-Sall-Verlasser jedes Recht, mich ihrerseits der Faselei zu bezichtigen, und sie dürfen auch frühzeitig gehen, zumal Zeit heutzutage eines der knappsten Güter überhaupt ist, knapper noch als das natürliche Promethium-Isotop 147Pm, und die wenigsten Menschen verfügen über die finanziellen Mittel, sich ausreichend Zeit zu kaufen oder womöglich sogar eine negativverzinste Reserve für den Katastrophenfall anzulegen, der bekanntlich immer seltener ausbleibt.

Es stimmt ja: Ich wollte etwas völlig anderes erzählen.

Ja, das wollte ich.

Tja, und nun?

Am besten fange ich noch einmal von vorn an.

Genau: Vergessen Sie das Gelesene! Streichen Sie es aus Ihrem Gedächtnis! Eliminieren Sie es! Keine Angst, Sie müssen nicht gleich mit einer Schlagbohrmaschine auf die Festplatte losgehen. Am besten verschieben Sie einfach die Datei C:\Dokumente\Kladde\Geburtstag1 in den Papierkorb, leeren den Papierkorb, lassen ein Eraser-Programm drüberlaufen, und dann starten Sie Ihren Rechner sicherheitshalber neu. Es kann sein, dass irgendein Freak oder eine übergeordnete Instanz die Datei trotzdem ausfindig machen und wiederherstellen könnten, wenn sie denn wollten, aber warum sollten sie wollen? So wichtig ist das Ganze nun auch wieder nicht, eher im Gegenteil. Es ist ja noch nichts passiert!

 

HINWEIS: Bei diesem Text handelt es sich um einen letztlich verworfenen Einstieg zu einem letztlich verworfenen Roman-Projekt.