Tokarczuk(k)
Taram taram tamtam
24. Januar 2017
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V or einiger Zeit kam im kleineren Kneipenkreis das Gespräch auf den großen Haruki Murakami. Nach wenigen Sätzen eines weiblichen Murakami-Fans fuhr ein bekennender Literaturmuffel dazwischen: »Haruki wer? Who the fuck is …«

Warum auch immer, aber plötzlich war es an mir, zu erklären, wer zum Teufel dieser Murakami wohl sei.

»Ein japanischer Schriftsteller«, begann ich klassisch, wusste aber schon nach dieser Basisinformation nicht recht weiter. »Ein Schriftsteller aus Japan, der … im Grunde immer das gleiche schreibt«, entfuhr es mir schließlich, was ich sofort als ungerecht empfand und auch als falsch. Ich probte also noch im selben Atemzug die Rolle rückwärts: »Na ja, natürlich nicht das gleiche …«

»Doch, doch! Genau so ist es«, sprang mir ein anderer Murakami-Leser ungefragt zur Seite, und so begann eine Murakami-Debatte, die für mich kein rechtes Ende fand. Schon am nächsten Tag kaufte ich mir Murakamis jüngsten Erzählband Von Männern, die keine Frauen haben. Ich wollte doch einmal prüfen, was dran war an meiner eigenen These, die natürlich schon deshalb ungerecht war, weil bekanntlich alle Schriftsteller immer das gleiche schreiben. Netter formuliert heißt es dann oft: Sie schreiben ein Leben lang am Buch ihres Lebens.

In diesem Sinne kann man es wohl auch für Murakami gelten lassen. Wenn es gut laufe, sagte er unlängst im Gespräch mit Iris Radisch, sei das Schreiben wie ein Traum, in dem er feststecke. Er suche die Geschichten auf dem Grund seiner selbst. Und mal ehrlich: Wer von uns würde dort schon ständig etwas völlig Neues entdecken?

Radisch schreibt Murakami eine romantische Magie zu und nennt ihn einen Autor, der die entzauberte Gegenwart der Moderne wieder verzaubern wolle. Das kann man so sehen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich als ersten Murakami-Roman Mister Aufziehvogel las und mich auf seltsamen Schleichwegen an Michail Bulgakows Klassiker Meister und Margarita erinnert fühlte, der nicht selten dem magischen Realismus zugeordnet wird.

Mir haben solche Bücher immer gefallen, und so habe ich auch Murakamis immer gleiche Geschichten immer wieder gelesen, bis ich 2014 bei den Pilgerjahren des farblosen Herrn Tazaki plötzlich dachte: Spiegel-Bestseller hin oder her, der Grund von Murakamis Selbst ist abgegrast. Oder so ähnlich.

Nun also doch wieder Murakami, Erzählungen über Männer, die keine Frauen haben. Wer die Texte liest, könnte sich durch den Titel eher früher als später auf die falsche Fährte gelockt fühlen, denn in Wirklichkeit haben in dem Buch alle oder fast alle männlichen Helden eine oder sogar viele Frauen. In der Titelgeschichte, die kaum zufällig am Ende des Bandes platziert ist, ist der Protagonist sogar solide verheiratet und liegt gerade mit seiner Frau im Bett, als ihn mitten in der Nacht ein Anruf aus dem Schlaf reißt und zugleich jene Erinnerungen weckt, die den Inhalt der folgenden Geschichte bilden (faktisch liegt der Mann da schon wieder neben seiner Frau im Bett!).

Die falsche Fährte ist natürlich die richtige Fährte. Es geht eben nicht um das Frauenhaben in einem profanen, sondern im magischen Sinn. Es geht um den Unterschied zwischen großer/wahrer und eher kleiner/gewöhnlicher Liebe. In der Erzählung Das eigenständige Organ zum Beispiel überfällt den Protagonisten, einen Schönheitschirurgen und notorischen Frauenflüsterer, plötzlich die große Liebe, gegen die er sich weder wehren kann noch will. Das Gefühl ist so raumgreifend und stark, dass sich der sonst so erfolgreiche Mann nach der vorhersehbaren Enttäuschung zu Tode hungert.

In der Titelgeschichte heißt es schließlich: »Nur Männer, die keine Frauen haben, können verstehen, wie herzzerreißend, wie furchtbar traurig es ist, Männer zu sein, die keine Frauen haben. In einem unendlich kalten Plural. Den wunderbaren Westwind zu verlieren. Auf einer ausgetrockneten Straße Tränen zu vergießen, während man den Luftdruck der Reifen prüft.«

Das ist alles typisch Murakami und in diesem Sinne nicht neu. Aber schön ist es doch.