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Vorspiel in der Maske
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donbass3
Die fünfte Kategorie
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ter6

W enn es stimmt, dass Krankheit ein Defekt ist, ein Defekt der psychophysischen Mechanik des Menschen, dann begann mein nahendes Ende vor einem guten halben Jahr, im Herbst, obwohl mir die Zwischenzeit, die seither vergangen ist, viel länger vorkommt, wie eine im Raum gekrümmte Ewigkeit.

Ich machte es mir damals, Anfang Oktober, zur Gewohnheit, leere Stunden lang den Elbdeich hinabzulaufen. Ich ließ mir den täglich kälter werdenden Wind ins Gesicht wehen, bis die Wangenmuskeln so steif waren, dass ich nicht mehr hätte lächeln können, selbst wenn ich gewollt hätte, geschweige denn lachen. Im Gehen heftete ich meine Blicke an die mächtigen Heckaufbauten der Containerschiffe, die kraftvoll und mutig auf das offene Meer zuliefen. Ich redete mir ein, bei der Ladung handelte es sich um bunt verpackte Riesenpralinen, und schmiedete allerlei Pläne, wenigstens einmal einen der kleineren Frachter zu kapern. Schokolade hat mir immer geholfen.

Wenn die Dämmerung herankroch, stieg ich irgendwo in der Wilstermarsch in einen Überlandbus und fuhr nach Hause. Es war meist schon dunkel, wenn ich unsere reetgedeckte Kate nahe Glückstadt betrat, die nun allein meine Kate war, seit die große Marie mit ihrem vollbärtigen Kapitän und der kleinen Marie im Schlepptau davongesegelt war, weil sie nicht mehr mit einem kraft- und mutlosen Sekundärmenschen zusammenleben wollte, einem Ghostwriter, der für andere schreibt, die er für besser und würdiger hält, mit einem Gespenst ohne Bettlaken.

Ich goss mir zwei Fingerbreit veredelten Flensburger Rum in mein mundgeblasenes Spezialglas mit Stößel und brühte mir einen zuckerschwangeren Grog auf. Die große Marie hatte im Vorjahr begonnen, meinen Hang zum herbstlichen Grog altväterlich zu nennen. Spöttisch fragte sie: „Warum rauchst du nicht Pfeife dazu? Du bist doch jetzt über vierzig!“ Die kleine Marie plapperte alles nach und verkündete: „Papa, du bist ein Opa! Hi-hi, kchhrrr…“ Ja, ich war schnell alt geworden, frühalt, fahl und bleich wie Siegfrieds Mörder.

So oder so ähnlich grübelte ich damals, im Oktober, mich selbst richtend und vernichtend, während ich wie zum Trotz heißen, süßen und vorsichtshalber stark verdünnten Rum schlürfte und dabei in den kalten Kamin starrte, in dem die Asche täglich weiter in sich zusammenfiel und sich allmählich in eine apokalyptische Vulkanwüste verwandelte. Hinter der blankpolierten Glastür ragten zwei verkohlte Holzscheite zur Seite wie angeschmolzene Stahlträger. Ich wartete nur darauf, dass jemand kam, den Ofen packte und schüttelte wie eine 9/11-Fallout-Schneekugel. Ich hätte auch nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn dieser Jemand meine Kate gepackt und sie in einem Anfall oder kalten Blutes gegen die Kachelwand hinter dem Kamin geschleudert hätte. Doch niemand kam.

dsc_0396Manchmal denke ich, es wäre ohnehin für alle Beteiligten das Beste, wenn irgendjemand auf unserer verkommenen Menschenerde einmal Tabula rasa machen würde. Alles könnte, nur zum Beispiel, so anfangen wie 1904 die russisch-japanische Angelegenheit: Mal eben einen kleinen, siegreichen Krieg führen! Das ist die Idee. Doch diesmal artet alles aus, denn die Russen besitzen inzwischen Atomwaffen. Und wozu sollte man Raketen im Silo lagern, wenn man sie nicht benutzt? Also machen die Russen diesmal Tabula rasa. Im Gegensatz zu mir hätte die Erde genug Zeit, sich wieder zu berappeln und etwas Sinnvolleres hervorzubringen als Dinosaurier oder Milliarden und Abermilliarden nutzloser Menschen.

Meine Kate kühlte bald völlig aus. Ich mochte den Kamin nicht mehr anheizen, vor dem ich an unserem letzten gemeinsamen Abend mit der großen Marie gesessen und ein letztes gemeinsames Feuer entzündet hatte, das irgendwann nachts erloschen war, zusammen unserem Streit, weil ich irgendwann alle Schuld auf mich genommen hatte, obwohl doch objektiv betrachtet nicht ich, sondern die große Marie mit ihrem bärtigen Kapitän Schiffe versenken gespielt hatte. Aber in einem Streit zwischen Eheleuten geht es bekanntlich nie um Tatsachen.

Ich blieb also in meiner verlassenen Kate zurück, während draußen der Oktober Fahrt aufnahm. Der Sturm zerrte mit Stärken zwischen neun und elf am Reetdach meines ererbten Hauses, als wären es die naturblonden, widerspenstigen Haare der großen, widerspenstigen Marie. Der dritte oder vierte, für meine Verhältnisse kaum noch ausreichend verdünnte Grog wärmte mich trügerisch von innen. Schließlich zog ich mir meine irische Lieblingslammwolldecke über die Knie und ließ mich auf dem Sofa zur Seite fallen. Der Schlaf jedoch ergriff die Flucht vor mir, als wäre ich ein böser Wolf. Dabei bin ich im besten Fall ein harmloses Rotkäppchen.

Eines Nachts schaltete ich mit Ablauf der Geisterstunde das Radio ein, um mich abzulenken. Aus einem Versehen heraus musste ich den Sender verstellt haben, wahrscheinlich beim Staubwischen, und so hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben den Seewetterbericht. Ich war zu betrunken, um noch einmal aufzustehen, und so lauschte ich mit halbem Ohr den Ansagen und schlief bald ein, wie hypnotisiert und zugleich befreit, ja, wie erlöst. Fortan schaltete ich Nacht für Nacht das Radio ein. Ich hütete mich, den Drehknopf für die Senderwahl noch einmal anzutasten, obwohl ich Staubablagerungen auf Drehknöpfen immer als Beleidigung empfunden habe. Nun war es mir egal.

Ja, mein nahes Ende begann wohl wirklich damals, im Herbst, als ich nachts immer den Seewetterbericht hörte. Schubweise drängte sich in diesen Nächten der Tod in mein Leben. Er breitete sich in mir aus wie auflaufendes Wasser, das einen verregneten Novemberstrand überschwemmt. Die Flut kam, wie es so schön heißt. Mit jeder scheinbar harmlos auslaufenden Brandungswelle arbeitete sich das Meer des Unbegreiflichen ein Stück weiter vor, drang immer tiefer in mich ein und stand mir schließlich bis zum Hals, so dass ich innerlich zu ertrinken drohte, während ich in meiner verlassenen Kate auf dem Sofa lag, den Seewetterbericht hörte und dabei wegdämmerte.

a42b5876_2500x1667Statt innerlich zu ertrinken, werde ich nun bald innerlich verbluten. Das Virus, das sich in mir eingenistet hat, wird nach Ablauf der Inkubationszeit unweigerlich ein hämorrhagisches Fieber in meinem Organismus auslösen und ihn vernichten. In Phase eins wird die Körperkerntemperatur schnell über 40 Grad Celsius steigen. Magen und Darm werden sich in konvulsivischen Schüben entleeren. Ein teuflischer Schmerz wird sich in jede einzelne Muskelfaser vorarbeiten und vergeblich versuchen, sie zu zerreißen. Stattdessen werden mich epileptische Krämpfe packen. Ich werde zucken und zappeln wie ein Fisch, der im eingeholten Fangnetz eines Trawlers über dem ölverschmierten Deck schwebt, mit Kopf und Schwanzflosse verzweifelt um sich schlägt und dabei mit schwindender Kraft nach Leben schnappt, während sich das letzte Wasser von seinem Rumpf löst, durch die Maschen rinnt und in die Tiefe tropft, wo sich bereits quietschend die rostige Ladeluke öffnet.

Der Begriff Hämorrhagie bezeichnet eine Blutung, bis hin zum Blutsturz. Ein hämorrhagisches Fieber ist ein blutbrechendes Fieber. Das ist Phase zwei. Hoffentlich geht es schnell! Im besten Fall erleide ich einen tödlichen Schock: Die Schleimhäute platzen auf, Blut rinnt aus Nase, Ohren und After, der Kreislauf bricht zusammen, das Herz bleibt stehen, Schluss. Im schlimmsten Fall lösen sich langsam die Organe auf, eines nach dem anderen, erst die Milz und die Leber, dann die Nieren und so weiter, bis hin zum Gehirn. Das Ergebnis bleibt allerdings das gleiche.

Es gibt kein Entrinnen. Es handelt sich um ein unweigerlich todbringendes Virus vom mutierten Typ LLOV-3, zu Deutsch: Höhlenvirus, dritte Generation. Der leitende Arzt der Isolierstation hat mir alles erklärt und das Urteil in letzter Instanz verkündet: „Die lethality ist in this case bei 100 Prozent, sorry. Es ist wie bei die Tollwut, unfortunately ohn de mogelijkheid voor een Impfung, no chance.“ Er ist Holländer und spricht gebrochenes Deutsch mit niederländischen beziehungsweise englischen Einsprengseln oder eher umgekehrt, manchmal auch reines Englisch: „It is a brute fact, I know that. I am deeply sorry for you.“

Zum Schreiben bleibt mir eine Gnadenfrist. Es ist deshalb höchste Zeit, die erste Absonderlichkeit jener absonderlichen Oktobernächte zu erwähnen, in denen mein nahes Ende begann. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund schlief ich damals immer während der kurzen Seewettermeldung aus Den Helder ein, buchstäblich immer, ohne eine einzige Ausnahme. „Den Helder: Nordwest neun, Regenschauer, sieben Grad, 981“, verkündete die monotone Stimme, die in seichten Schallwellen durch den Raum wallte, und spätestens nach der abschließenden Luftdruckangabe war ich nicht mehr auf dieser nichtswürdigen Welt und in meinem scheiternden Leben. Ich schlief.

Meistens schlief ich noch vor der Temperaturangabe aus Den Helder ein oder sogar vor der Niederschlagsmeldung. Allein die Windstärke entging mir nie, und ich konnte sie am Morgen danach mit schlafwandlerischer Sicherheit rezitieren, wie ein in Kindertagen auswendig gelerntes Gedicht. Ich habe das damals oft ausprobiert und die Richtigkeit meiner Erinnerung durch Anrufe beim Seewetterdienst in Hamburg überprüft, sehr oft sogar, bis mich die Stimme am Telefon unerhört liebenswürdig und zugewandt auf den Internetauftritt des Deutschen Wetterdienstes hinwies, wo alles nachzulesen sei, wewewedewedede-ee, aber sie fing sich sofort selbst ein:

„Oje-oje, sorry, ich bin immer zu schnell, verflixt! Tut mir leid, tut mir wirklich leid. Meine Mutter hat mich früher immer Klein-c genannt, wie das Formelzeichen für die Lichtgeschwindigkeit, verstehst du … verstehen Sie? c sind nämlich fast 300 Millionen Meter pro Sekunde. Wusstest du das? Also noch einmal: We-We-We …“

Mit dem Internet war mir natürlich nicht geholfen. In meiner Not erklärte ich haspelnd den harmlosen Hintergrund meines Anliegens. Eine Weile herrschte lichtloses Schweigen im Äther, dann hörte ich die Frage: „Du bist einsam, stimmt’s?“

Fortan hielt Klein-c allmorgendlich neben ihrem Telefon in Hamburg einen Notizzettel mit den nächtlichen Wetterdaten aus Den Helder bereit, nur für mich. Sie ging dabei unwiderruflich zum Du über. „Wieder richtig, bravo!“, rief sie oder verkündete: „Jo, das ist korrekt. Du bist wirklich gut, mein Lieber!“ Eines Tages erklärte mir Klein-c im Vorbeifliegen, dass der niederländische Name Den Helder auf Deutsch so viel wie Das Höllentor bedeute, aber das mache nichts: „Die Hölle existiert nur in uns, mein Lieber!“

lightEs war eine wunderschöne Stimme, die mich da allmorgendlich lobte und lobend meine Erinnerung bestätigte, die meine Existenz bestätigte, vielleicht sogar meine berechtigte Existenz, die mich beruhigte und besänftigte. Schön wie ein Engel war sie, diese Stimme. Sie tönte majestätisch voll, nicht ohne mit Lichtgeschwindigkeit von einem kaum merklichen skandinavischen Akzent aufgehellt zu werden, wahrscheinlich schwedisch, denn Klein-c verabschiedete sich stets mit einem herzhaften „Hej då!“, wie mit einem kurzen, eine Spur zu kräftigen Kuss auf den Mund.

Das ging eine Weile lang gut, bis mich plötzlich eine absurde Angst vor der übernatürlichen Schönheit der Stimme in Hamburg packte, und so rief ich von einem Tag auf den anderen nicht mehr an. Ich kappte das letzte Tau. Bald darauf trieb ich auf die offene See hinaus. Statt morgens am Telefon die nächtliche Windstärke in Den Helder zu rezitieren und Trost in einem schwedischen Kuss zu suchen, hing ich in der Morgendämmerung einem Albtraum nach, der mir unerhört ausdauernd und starrsinnig im Nacken hockte.

Er ließ sich partout nicht abschütteln, ein zäher, widerlicher Teufel, der mich zu reiten schien, ein hasserfüllter, auch seinerseits völlig übernächtigter Mahr, der mich zum Galopp durch einen weiteren leeren Tag antrieb. Doch weil ich damals schon nicht mehr auf Tritte reagierte, schlang mir der Mahr seine kurzen, ekelhaft knochigen, von borstenähnlichen Haaren bedeckten Beine um den Hals und drückte zu.

Ja, er drückte zu, ohne Hast, aber unerbittlich, so offensichtlich unerbittlich, dass ich im Morgengrauen viel zu früh zu sterben glaubte, als von Ersticken noch nicht ernsthaft die Rede sein konnte. Ich versuchte zu husten, nicht überlegt, sondern reflexhaft. Etwas in mir versuchte zu husten, wenigstens zu husten, als hätte ich eine Gräte verschluckt und müsste sie wieder ausspeien oder viel zu früh sterben, den Bolustod sterben. Doch ich konnte nicht husten, sondern nur röcheln, weil der nach Rum dürstende Kehlkopf krampfte, und so schlug ich mir, von Panik gepackt, mit geballten Fäusten zwischen die Schulterblätter, so gut es eben ging, aber es geht nun einmal nicht.

Nein, das geht nicht. Man kann sich nicht mit den Fäusten zwischen die eigenen Schulterblätter schlagen. Ich schlug trotzdem, damals, im Grauen des Oktobermorgens. Ich schlug wie ein Hampelmann um mich, wie ein Hampelmann mit unbewegten Beinen. Ja, genau so war es: Ich schlug wie ein Hampelmann, bei dem die kleine Marie in einer Not-Operation versucht hat, die verknoteten Schnüre im Rücken mit Papas Nagelschere zu lösen und dabei eine Schnur durchtrennt hat, aus Versehen, versteht sich. Ein Kunstfehler! Die kleine Marie hat einen zentralen Nervenstrang im Rückenmark ihres Hampelmannes gekappt, weil sie wieder einmal der großen Marie nacheifern wollte.

Och, Mensch, Mariechen! Musste das sein? Wo hast du überhaupt die Schere her? Du sollst doch nicht an —
— Aber Papa, der Hamp war doch krank!
Na ja, jeder wird mal krank.

Was hast du, Marie?
— Ist der Hamp jetzt tot?
Nein, Marie, der Hamp ist nicht tot! Aber er ist gelähmt. Man nennt es eine Querschnittslähmung. Er braucht einen Rollstuhl.
— Was ist ein Rollstuhl?
Ein fahrbarer Stuhl, mit dem sich Menschen bewegen können, die nicht aufrecht gehen können, weil sie zum Beispiel querschnittsgelähmt sind. Weil ihr Rückgrat gebrochen ist, zum Beispiel.

Marie? Was hast du denn, Mariechen? Sag doch was!
— Ich habe den Hamp quergeschnitten!
Ach, herrje! Sei nicht traurig, Marie, du hast keine Schuld. So etwas passiert den besten Ärzten.
— Ich habe dem Hamp das Rückenrad gebrochen!
Och, Mensch, Mariechen! Na, komm mal her, gib mir mal den Hamp! Vielleicht können wir ihn doch wieder gesund machen. Hast du meine Lesebrille gesehen?
— Du, Papa?
Ja, Marie?
— Du bist ein Opa, hi-hi! Kchrrr…

Kunstfehler passieren selten mit böser Absicht. Die Absicht ändert aber nichts am Ergebnis, nie! Auch damals hat die Absicht nichts am Ergebnis geändert, als ich nachts immer den Seewetterbericht hörte. Das Ergebnis war eindeutig: Ich war ein gehörnter Hampelmann mit gelähmten Lenden, der wild um sich schlug. Ich war ein Hamp ohne Mann. Ja, ich war der Hamp!

Wenn es also stimmt, dass Krankheit ein Defekt ist, ein Defekt der psychophysischen Mechanik des Menschen, dann begann mein nahes Ende damals, im Herbst, als ich zu guter Letzt, am 31. Oktober, nach Den Helder aufbrach, um auszuschließen, dass es auch außerhalb unseres Selbst eine Hölle gibt. Der Rest war eine Verkettung unglücklicher Umstände. Es war, daran gibt es keinen Zweifel, reiner Zufall, dass ich mich ausgerechnet auf dieser Reise mit einem todbringenden Virus angesteckt habe.

HINWEIS: Bei diesem Text handelt es sich um einen leicht veränderten Auszug aus meinem noch unveröffentlichten Roman Isolierstation.