cohen
Leonard Cohen (†) – We won’t forget
11. November 2016

D ie Halbwertszeit von Büchern beträgt in Deutschland HEUTZUTAGE nur noch etwa drei Monate, habe ich kürzlich einen Verlagsleiter sagen hören, irgendwo im Radio, glaube ich, weiß es aber nicht sicher. Es versendet sich alles so schnell, HEUTZUTAGE. Klickzahlen zählen, Hauptsache schnell, Hauptsache viel und wieder weg. Okay, sie ist auch nicht mehr neu, diese Erkenntnis. Wie auch? Man kennt eh schon alles. Man war schon vor dem Hasen da, wieder und wieder, und das liegt nicht an den Hasen dieser Welt. Die Beschleunigung hat uns im Griff, überall und ständig, trotz Offline-Yoga, und auf den Freeways in Los Angeles werden die Leute auch immer rücksichtsloser.

So gesehen hinke ich mit meinen herbstlichen Leseeindrücken von Benjamin Stuckrad-Barres spätwinterlichem Panikherz weit hinterher. Tja, den Letzten im Dorf beißen die Hunde.

Ach, guck mal: Da rast eine Sau vorbei!

Das Buch, also Panikherz, ist am 10. März erschienen und bei den Bestsellerlistenbetreibern inzwischen längst hinten runtergefallen, naturgemäß, saugemäß. Es war eine Weile in und ist längst wieder raus aus dem Dorf, und das scheint ja auch ganz gut zu diesem Buch zu passen, das die Rezensentenhorde damals, im Vorfrühling, als witzig und fies, rauschhaft und krass beschrieben hat. Genau das Richtige für einen fröhlichen Schnelldurchlauf also, dachte ich mir, als der Spätherbst sein Dunkel bereits vorauswarf, zumal die Geschichte bei allem Witz auch anrührend sein sollte, hatte ich gehört oder gelesen, und, dies vor allem: schonungslos offen, entwaffnend ehrlich! Ach ja, am Ende sei das Ganze dann aber doch sehr ichbezogen, ergo belanglos, und das sind ja dann doch oft die besten Bücher.

Die Fakten: buntes Cover, neongelbes Lesebändchen. Popliteratur, das sieht man sofort, und auf der letzten Seite wird man mit viel Wohlwollen sagen können: Popliteratur at its best.

Worum geht es denn nun? Stucki, wie ihn seine Freunde anscheinend nennen, erzählt mit 40 Jahren von einem halb gelebten Leben voller Drogenexzesse und Psychohorror: Kokain, bis die Nasenscheidewand in Trümmern liegt, Pillen aller Art, zur Ernüchterung Alkohol obendrauf, Depressionen, Arbeitswahn und Messiewut, Ess-Brech-Sucht. In den schönsten Passagen klingt das so:

Am Anfang einer solchen [Fress-Kotz-]Orgie musste man etwas Farbiges essen, eine Art Beginnsignatur, am besten rote Gummibärchen, dann wusste man später, wann man aufhören konnte mit dem Kotzen, wenn die nämlich wieder da waren, in der Kloschüssel, Gummibärchen gingen ziemlich schlecht wieder raus, da musste man sehr würgen, da kommt dann nur noch Galle […]

Irgendwann in so einer Attacke wird dann alles egal, man sitzt, liegt dann direkt vor dem Klo, vielleicht an die Badewanne gelehnt, und isst und kotzt im Wechsel. Speziell in hellhöriger Umgebung nutzt man das Geräusch der Spülung als Übertönung der spezifisch-privaten eigentlichen Geräusche, man hängt also überm Klo, drückt die Spültaste, und dann kann es losgehen. Im Verlauf eines solchen Anfalls sinkt man auch immer tiefer ins Klo, man möchte am liebsten ganz darin verschwinden, das Spülwasser kühlt angenehm den erhitzten Kopf […]

Ich hatte sogar einen Kotzsoundtrack. In Dauerschleife ließ ich während eines jeden solchen Fress-und-Kotz-Anfalls irrsinnig laut ein Lied von den Stereo MCs alles, alles übertönen: Deep Down & Dirty. Also schon auch inhaltlich sehr durchdacht alles. Und nach der Erlösung, wenn ich gekrümmt und wimmernd, aber befreit dalag und einfach zur Beruhigung noch ein paar Mal die Spülung betätigte, Kopf im Klo, die Spritzer kühlten so schön, wechselte ich rasch die Musik, jetzt musste es ein zartes Lied sein, meistens Watching the Wheels von John Lennon.

Vor der Fütterung: Tierheim in Polen.

Vor der Fütterung: Tierheim in Polen.

Das ist natürlich vieles, nur nicht entwaffnend ehrlich, sondern eben dies: schön, im Sinne von gut gemacht. Drama? Hölle? Man liest so eine Kotzepisode eigentlich doch ganz gern, mit einem Schmunzeln. Humor statt Horror: Die Ironie dient gewissermaßen als Klospülung. Sie übertönt die spezifisch-privaten eigentlichen Geräusche. Folglich geht der Text auch nicht unter die Haut, jedenfalls nicht allzu tief, und das ist manchmal gar nicht so schlecht.

Kurz nach der Stucki-Lektüre habe ich bei Dauerregen und übertriebener Kälte Knut Hamsuns Hunger gelesen, die Geschichte eines gierig Notleidenden, der hungernd in den Wahnsinn abgleitet oder schon wahnsinnig ist und jedenfalls irgendwann anfängt, sich selbst aufzuessen, weshalb er sich erst einmal einen Finger in den Mund steckt, genau wie Stucki, nur ohne Scheiß. Da vergeht einem das Schmunzeln recht schnell.

Noch mal von vorn: Worum geht’s im Panikherz? Der Roman ist als Autobiographie und mithin als Sachbuch gelistet, aber das ist natürlich Unsinn. Nicht fiktional? Nun ja, ich würde sagen: Der Text beruht auf wahren Begebenheiten. In Wirklichkeit handelt es sich um so etwas wie einen autobiographischen Roman, der auf fast 600 durchaus wortreichen Seiten geradezu idealtypisch das PRINZIP LEERSTELLE vorführt. Das beginnt mit der Panik und endet beim Herz.

Von der Angst, die Stuckis Herz mutmaßlich kranzgefäßartig in ihrem Klammergriff hält (Ferndiagnosen sind ja immer schwierig), ist an der Textoberfläche fast nirgendwo die Rede. Die Angst fällt also in den Deutungs- und damit in den Herrschaftsbereich des Lesers. Bleibt die Frage: Warum ist das so? Kann oder will uns Stuckiman nichts über das Wesen seiner Angst mitteilen? Oder beides?

Irgendwann entdeckt der Ich-Erzähler in Panikherz, dass eines seiner Lieblingsbücher, der nihilistische Kultroman Less Than Zero von Bret Easton Ellis, im Original mit dem Satz beginnt: People are afraid to merge on freeways in Los Angeles. Das führt zu einem Aha-Erlebnis der erhellenden Art:

Verdammt, der erste Satz in der deutschen Übersetzung, der mich vor über zwanzig Jahren sofort hineinzog in dieses Buch und in alles mögliche andere: Es hatte ihn nie gegeben! Was ist das denn für eine unsinnige Übersetzung: Auf den Freeways in Los Angeles werden die Leute auch immer rücksichtsloser! Vollkommen anders im Original, das ich Ellis nur rasch unterschreiben lassen wollte, jetzt aber schon eine Weile zu lange festhalte, weil ich gar nicht glauben kann, was da WIRKLICH steht, ungefähr: Die Leute HABEN ANGST, sich einzufädeln auf den Freeways in Los Angeles. […] Diesen sinnentstellenden transatlantischen Übertragungsfehler mit Ellis selbst zu diskutieren, das allerdings wäre noch törichter als diese Übersetzung.

Jaja, die Dinge an sich zu diskutieren, das wäre in etwa so töricht, wie über die Angst an sich zu schreiben, statt sich, wie Stuckiman, an Udo Lindenbergs ewig-harmloser Panik abzuarbeiten, bei der das beruhigende Keine Panik! stets mitgeliefert wird wie eine doppelte Portion Diazepam im Drogenentzug.

By the way: Über die echte Freundschaft zu Udo schreibt Stuckiman echt anrührend, ebenso über die Hilfsbereitschaft seiner Brüder. Das ist schön und entwaffnend ehrlich, und daran gibt es auch überhaupt nichts auszusetzen.

Aber was ist mit der Angst? Und was ist mit der Liebe? Wo bleiben im Panikherz die echte Panik und das wahre Herz? Fehlanzeige. LEERSTELLE. Frauen in ihrer Eigenschaft als Frauen kommen im Text (fast) nicht vor, im besten Fall als Nutten, also als Leidensgenossinnen des prostituierten Popliteraten.

Vom Tod ist in Panikherz eher am Rande die Rede. Er wird konstatiert, Chronistenpflicht: Christoph ist gestorben. Über die eigene Angst oder meinetwegen auch Nichtangst vor dem Tod fällt kaum ein Wort, obwohl Stucki in seinen Drogenexzessen doch permanent am Rande der Selbstvernichtung entlanghetzt. Rasant erzählt, rasant gelebt. Live fast – die young: Es scheint eher dem Zufall und seinen Rettern geschuldet zu sein, dass Stuckrad-Barre überlebt hat. Und was folgt daraus?

Ein Leitmotiv im Text ist das berühmte Fitzgerald-Zitat: There are no second acts in American lives. Soll heißen: Gibt es in einem deutschen Popliteratenleben einen zweiten Akt? In der non-fiktionalen Echtzeit liegt Stuckrad-Barres Absturz inzwischen zehn Jahre zurück. Er ist, wenn ich richtig informiert bin, verheiratet und hat ein Kind. Aber auch davon lese ich nichts im Panikherz, nur dies: Ich war jetzt auch schon ganz schön lange weg von zu Hause. Es gibt also immerhin ein Zuhause. Ist das schon die ganze Antwort auf die einigermaßen penetrante Frage nach dem zweiten Akt?

Was bei mir nach der Lektüre von Panikherz zurückgeblieben ist, ist das Gefühl, 570 lustig-unterhaltsame Seiten lang frohgemut eine riesige und zu allem Überfluss expandierende LEERSTELLE umkreist zu haben, ein Vakuum mit dem Limes unendlich, und genau diese Bret-Easton-Ellis-Leere ist es bekanntlich, die so viele Herzen so vieler moderner (!) Menschen in Panik versetzt, in einen unkontrollierbaren Ausnahmezustand der Angst, HEUTZUTAGE. Oder war das schon immer so?

Man kann den ganzen lustigen Stucki-Text als eine Art Metametapher für das allumfassende Nichts unserer vom Nihilismus durchsetzten und irgendwie übersättigten HEUTZUTAGE-Zeit lesen, ja, man möchte dieses Nichts am Ende des Buches am liebsten auskotzen und dabei die Klospülung betätigen, das Spülwasser kühlt angenehm den erhitzten Kopf, und dann beginnt der zweite Akt. Endlich. Ich sag’s ja (mit sehr viel Wohlwollen): Popliteratur at its best!