donbass3
Die fünfte Kategorie
21. Dezember 2016
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D ie Menschen werden immer verwirrter, mich selbst eingeschlossen. Am Montagmorgen treffe ich meinen Nachbarn zur Rechten an den Müllcontainern, Herrn K., den Major. Er steht vor der geöffneten Biotonne, starrt wie entgeistert hinein und stochert mit seinem Gehstock im Abfall. Ich grüße freundlich, wie es meine Art ist, aber K. scheint mich überhaupt nicht wahrzunehmen. Er steht nur da, starrt und stochert. Ich entledige mich meines Wertstoffbeutels, trete neugierig näher und grüße ein zweites Mal. Im selben Augenblick angelt K. mit seinem Stock eine weiße Plastiktüte aus dem Dreck und reckt sie wie eine Parlamentärflagge in den lauen Frühlingswind.

„Guten Morgen, Professor!“, ruft er, lauter als nötig. Ich stehe kaum zwei Meter vor ihm. „Begreifen Sie das?“, brüllt er. „Wer tut so etwas?“

„Vielleicht eine Gedankenlosigkeit?“, schlage ich vor, aber K. schüttelt nur den Kopf, noch immer konsterniert. „So etwas passiert doch jedem einmal“, beschwichtige ich und versuche, das Drama durch den Einsatz humoristischer Mittel herunterzuspielen: „Haben Sie noch nie ihr Schlüsselbund im Kühlschrank wiedergefunden?“

Über uns flattert, mit dem trotzigen Stolz des Verlierers, die Flagge. Ich spähe hinauf, spüre dabei aber plötzlich eine ungute Enge in der Brust, als klemmte mein Herz zwischen den Backen eines Schraubstocks, und der Schreinermeister zückt bereits Stechbeitel und Hammer.

„Nehmen Sie es sich nicht so zu Herzen!“, rate ich, schon mehr an mich selbst gewandt. „Damit ist doch niemandem geholfen, Ihnen selbst am allerwenigsten.“

„Papperlapapp!“, poltert K. und rettet mich. Im rauen Gegenwind atmet es sich freier. Der Major ist kein unhöflicher Mensch und auch nicht schwerhörig, aber er ist ein Offizier a.D., der sich in etwas verbissen hat.

„Ich nehme mir das nicht zu Herzen“, behauptet er trotzig. „Ich nehme mir nie etwas zu Herzen! Das kann ich mir als Soldat gar nicht erlauben. Es geht mir um die Sache, Professor, nur um die Sache, nichts sonst. Ich habe mein Leben lang für die gerechte Sache gekämpft! Ich habe mein Leben lang auf der Seite des Guten im Schützengraben gelegen. Ich habe das Böse zu vernichten versucht, wie es meine Pflicht ist, meine Pflicht als Soldat und Mensch, und ich werde bis zum Ende kämpfen.“

Jetzt ist es an mir, überzureagieren. „Das ist Unsinn!“, verkünde ich, keinen Widerspruch duldend, und könnte es damit bewenden lassen. Ich kenne den Major gut genug, um zu wissen, dass er nur selten beleidigt ist und nie nachtragend. Ich könnte mich also unaufgefordert umdrehen und wegtreten. Ich könnte die Situation auch, wenn ich denn unbedingt wollte, mit einigen rhetorischen Tricks in Wohlgefallen auflösen.

So oder so ähnlich überlege ich noch, aber da höre ich bereits, wie ich selbstverliebt mit einer Erklärung auftrumpfe: „Die Sache an sich ist uns allen vollkommen gleichgültig, Herr Major. Sie ist uns, mit Verlaub, scheißegal. Das beweist schon die simpelste Logik. Jede Sache, die uns nicht scheißegal ist, betrifft uns auf die eine oder andere Weise persönlich, sonst wäre sie uns ja scheißegal. Wir nehmen sie uns zu Herzen, wie man so sagt. Eine Sache aber, die uns betrifft, die wir uns zu Herzen nehmen, die wir für eine gerechte Sache halten, womöglich gar für das Schöne und Gute, ist nicht mehr die Sache an sich. Quod erat demonstrandum.“

Er kann mir nicht folgen, das ist offensichtlich. „Verzeihen Sie meine Wortwahl!“, füge ich an, um meine aufkeimende Verlegenheit zu kaschieren.

„Papperlapapp, Wortwahl!“ Jetzt brüllt wieder, Gott sei Dank! „Haben Sie vergessen, mit wem Sie es zu tun haben, Professor?“

„Um Gottes willen!“, entfährt es mir. „Wie könnte ich?“ Ich nehme unwillkürlich Haltung an. Vielleicht ging es zu schnell, überlege ich, man müsste es eingängiger formulieren. Leider fällt mir auf Anhieb keine Variation zum Thema ein, die klarer wäre, also verlege ich mich aufs professorale Postulieren.

„Trotzdem!“, beginne ich klassisch. „Glauben Sie niemandem, der behauptet, es gehe ihm um die Sache, womöglich gar nur um die Sache! Glauben Sie vor allem sich selbst nicht, wenn Sie sich wieder einmal behaupten hören sollten, es gehe Ihnen um die Sache und nur um die Sache! Es geht uns Menschen nie um die Sache an sich. Es geht uns nur um uns selbst, sonst nichts. Wir sind Egozentriker. Wir kreisen um unser Selbst wie der Hurrikan um sein Auge.“

Jetzt wird‘s zu poetisch, merke ich. Mit Poesie brauchst du einem Soldaten nicht zu kommen. Schon senkt K. den Flaggenstock, irgendwie drohend, denke ich, fast wie einen Säbel. Die Tüte schlägt verzweifelt um sich. Wind, nun gut, meinetwegen, denke ich weiter, aber das mit dem Hurrikan, fällt mir dabei ein, ist Quatsch: Wenn der Mensch in seinem Wesen ein Wirbelsturm wäre, dann hieße das zwangsläufig, dass wir in uns selbst ruhen, dass im innersten Zirkel unseres Seins Windstille herrscht, und das ist Quatsch.

„Die menschliche Großhirnrinde, in der das Bewusstsein haust, ist ein selbstreferenzielles System“, höre ich mich dozieren, vermutlich ein Akt der Vorwärtsverteidigung. Tatsächlich stoppt K. die Bewegung des Flaggensäbelarms, aber jetzt stehe ich natürlich akut unter Zugzwang. Jetzt muss ich nachlegen! „Es ist doch so, Herr Major“, fahre ich fort, um Zeit zu schinden, und muss husten. Eine Freudsche Glanzleistung, schießt es mir durch den Kopf, in dem ich nebenbei meine Gedanken ordne. Mit dem Übermut des intellektuellen Pazifisten, der sich im ewigen Recht des Wissenden wähnt, versetze ich meinem kampfesmutigen Gegner den entscheidenden Stoß:

„In unserer Großhirnrinde erzählen wir uns den lieben langen Tag irgendwelche Geschichten. Wir entwickeln Ideen, entwerfen ganze Ideologien und Philosophien, konstruieren Gedankengebäude, rufen sogar die Zimmerleute an, die Dachdecker und den Glasermeister – und alles nur, um uns selbst zu erklären, warum wir handeln, wie wir handeln. Das ist alles frei erfunden. Oder jedenfalls zum allergrößten Teil. Das ist nicht unbedingt schlecht gemacht, wenn Sie zum Beispiel an Gerechtigkeit und Güte denken, aber es ist erfunden. Mit der Sache an sich hat das nichts zu tun.“

Er lässt den Stock zur Seite sinken: geschlagen, gedemütigt, vernichtet. Die Flagge löst sich, tanzt zwischen der gelben und der orangen Tonne hindurch auf den Rasen, hebt ab und ward nie wieder gesehen. Der Major kapituliert bedingungslos und hinkt von dannen, dem nahenden Tod entgegen.

Urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte bei Ulrich Krökel.

Am Mittwochmorgen treffe ich an den Müllcontainern meine Nachbarin zur Linken, Frau U., die Madame. Sie steckt mit den Armen bis zum Schulteranschlag in der blauen Tonne und ist gerade dabei, ihre kirschrot gefärbte Löwenmähne samt Kopf hinterherzuschieben. Ich stutze. Sie will sich doch wohl nicht selbst recyceln? Ich habe intern einen Hang zur Respektlosigkeit. Noch im Stutzen begreife ich immerhin, dass die Madame etwas sucht. Also grüße ich auf meine  freundliche Art und frage: „Kann ich Ihnen helfen, Gnädigste?“

Die Madame liebt diese Anrede, und so tue ich ihr den Gefallen, der mich nichts kostet, oft und sogar gern.

„Aah, guten Morgen, Professor!“, antwortet sie gedämpft, geradezu verschwörerisch. Sie spricht in einen Pappkarton hinein, den irgendein Ignorant vor der Entsorgung nicht zerkleinert hat, möglicherweise Major K., überlege ich, der hat einen begrenzten Horizont. Die Madame kann oder will sich nicht vom Müll lösen. Sie hat sich in etwas verbissen, schlussfolgere ich. Zu guter Letzt hebt sie aber doch noch das Divenhaupt und lächelt huldvoll. „Ja, Sie könnten mir tatsächlich einen Dienst erweisen, mein Bester“, sagt sie und rückt mit ihrer Wahrheit heraus: „Ich vermisse meine Geburtsurkunde!“

„Oje-oje“, jammere ich drauflos, um Empathie zu signalisieren, zeige auf den Papiermüll und frage: „Und die ist da drin?“

Es ist ein Mythos, dass es keine blöden Fragen gäbe.

„Ich fürchte ja, mein Lieber“, antwortet die Madame übertrieben zutraulich, sogar mit Augenaufschlag, wie eine hungrige Hündin mit Hintergedanken. Sie beherrscht ihre Rollen noch immer, Chapeau! Die Madame ist die Witwe eines Opernsängers, eines in eingeweihten Kreisen bekannten Tenors. Sie selbst hat als Souffleuse gearbeitet. Sekundärmenschentum zu überspielen, das weiß ich aus eigener Erfahrung, ist eine Lebensaufgabe.

Ich lasse mich nur ungern zweimal bitten. Also öffne ich den schwarzen Container, entledige mich meiner kleinen, aber umso unfeineren Toilettenmülltüte mit all den abgeknipsten Fußnägeln, den blutgetränkten Interdentalbürstchen und den bernsteingelb eingefärbten Ohrenstäbchen, trete näher und will schon anfangen, im toten Wald der blauen Tonne zu graben, als der Detektiv mit mir durchgeht.

„Wann und wo haben Sie denn ihre Geburtsurkunde zuletzt gesehen?“, forsche ich und bohre sogar direkt vor meiner Nase einen Zeigefinger in den überfließenden Fliederduft.

„Das war am Tag meiner Hochzeit, heute vor 50 Jahren, ein wonnefroher Frühlingstag, der in die Nacht aller Nächte überging. Der Rest ist Schweigen.“

„Aha!“, notiere ich im Protokoll. „Und wie kommen Sie darauf, dass die Urkunde sich hier und jetzt, ein halbes Jahrhundert später, ausgerechnet in dieser Papiermülltonne befindet?“, frage ich, betont bürokratisch, um von der beklemmenden Tatsache der bevorstehenden Goldenen Hochzeitsnacht im Einzelbett abzulenken.

„Das weiß ich sogar sicher!“, antwortet die Madame, spürbar erleichtert. „Ich habe da nämlich so ein Gefühl.“

„Oh, das ist gut, das ist sehr gut!“, ermuntere ich sie und begreife im selben Augenblick: Das ist nicht gut, das ist ein Fehler.

„Sehen Sie, Professor“, fährt sie fort, „heute früh habe ich zum ersten Mal seit 50 Jahren das Geheimfach unseres Sekretärs geöffnet. Genauer gesagt war es der Sekretär meines Mannes.“ Sie stockt und schluckt schwer. Eine lawinenartig anschwellende Panik rollt durch meine Glieder. Mit Gefühlsausbrüchen von reifen Frauen kann ich nicht umgehen.

„Was war denn drin?“, frage ich hektisch, aber sie spricht synchron: „Was glauben Sie, war drin?“

Wir lachen beide, allerdings unecht, ha-ha, wohl wissend, dass es in unserer Welt keinen Grund für echten Frohsinn gibt. „Dokumente“, schlage ich vor und biete trickreich eine möglichst abseitige Alternative an: „Oder ein Geheimfachschlüssel.“

„Ein Schlüssel? Wozu denn das?“, fragt die Madame und vergisst für einen Moment ihren Kummer. Nun ist die Erleichterung auf meiner Seite. „Doppelt genäht hält besser“, fasele ich. Faseln hilft oft, aber nicht immer.

„Unsinn, Professor, Sie reden Unsinn! Nichts war drin, gar nichts, verstehen Sie? Die Urkunde war weg! Ja, weg war sie, und das konnte nicht sein! Das ist schlicht und ergreifend unmöglich.“

„Warum denn unmöglich?“, frage ich, um sie weiter von ihren Gefühlen abzulenken.

Die Madame ist eine passionierte Literatin, die viel liest, aber dabei wenig denkt. Sie führt also einen bekannten Aphorismus von George Bernard Shaw ins Feld: „Ich glaube nicht an Zufälle. Die Menschen, die in der Welt etwas erreichen, sind Menschen, die nach den von ihnen benötigten Zufällen Ausschau halten“, rezitiert sie so unangemessen theatralisch, dass man sofort versteht, warum der Platz der Madame nie auf, sondern stets unter der Bühne war. Sie will noch etwas hinzufügen, aber ich fahre ihr in die Parade.

„Mit Verlaub, Gnädigste, aber das ist nun wirklich Unsinn!“ Sie hat einen Nerv getroffen, wie ein Zahnarzt kurz vor Feierabend, der aus nichtigem Anlass schnell noch mal bohren will, ohne Betäubung, denn das ist zeitaufwendig, kann zu Komplikationen führen und macht keinen Spaß. Ich zucke also zusammen und greife dem Arzt in den Arm: „Ein Mensch, der gezielt nach Zufällen Ausschau hält, muss doch zumindest über ein gewisses Maß an Willensfreiheit verfügen“, behaupte ich wider besseres Wissen. „In einer Welt ohne Zufall kann es aber keine Willensfreiheit geben. Quod erat demonstrandum.“

Das ist ein Volltreffer, wenn auch ein klassisches Eigentor. „Wollen Sie etwa meine Geburt anzweifeln?“, entrüstet sich die Madame, in tiefster Seele ehrlich empört. Zu Recht, denke ich, völlig zu Recht! Sie ist den Tränen nah. „Sie sollten sich schämen, Professor, jawohl, schämen sollten Sie sich“, sagt sie still und zieht traurig von dannen.

Ich schämte mich sogar sehr, suchte eine halbe Stunde lang in der blauen Tonne vergeblich nach der vermissten Urkunde und ging noch am selben Abend mit einer Flasche Sherry zur Madame, um mich zu entschuldigen und Trost zu spenden, letztlich erfolgreich.

Das war am Mittwoch. Heute ist Freitag. Traditionell verlasse ich an jedem zweiten Freitag eines Monats unseren hufeisenförmigen Wohnkomplex und wechsele auf die gegenüberliegende Straßenseite, um meinen Glasmüll zu entsorgen. Ich arbeite mich stets vom Weißglas über das Grün zum Braun vor. So auch heute. Ich will gerade als letztes Leergut eine Likörflasche in dem absurden Design eines Miniaturcellos entsorgen, als vor meinem inneren Auge eine gelbe Leuchtschrift aufflackert, eine klassische Neonröhrenreklame:

Der gläserne Mensch

Ich bin verständlicherweise irritiert. Was mich aber am meisten verblüfft, ist die Tatsache, dass der Schriftzug nicht spiegelverkehrt zu lesen ist. Es muss ihn also jemand von innen dort angebracht und mit Strom versorgt haben, überlege ich, noch dazu für innen, nicht von außen für außen, auf der hohen Stirn zum Beispiel, wie es sich anböte, um ein Publikum anzulocken. Es muss sich also in Wirklichkeit um eine Inschrift handeln, keine Aufschrift, konstatiere ich.

Ich bin so perplex, dass ich ins Grübeln gerate, während ich das Likörcello über dem Einlassloch des Braunglascontainers in der Schwebe halte, was auf Dauer natürlich anstrengend ist, geradezu kraftraubend, aber ich bemerke weder die zunehmende Schwäche meiner abgezehrten Professorenmuskeln noch ihre schwindende Stärke.

Inzwischen leuchtet die Schrift stabil. Es ist doch unbegreiflich, sinniere ich im gelben Schein der Röhren, wie lange ich nicht mehr an den guten Uli von Sinnen gedacht habe! Bestimmt ein Jahr lang nicht. Nicht einmal an die göttliche Rabāb habe ich auch nur einen einzigen Gedanken verschwendet! Dabei liegt das alles erst zwei Jahre zurück, stelle ich fest und zähle noch einmal nach, ja, ziemlich genau zwei Jahre, nein, exakt zwei Jahre, jawohl: Heute vor zwei Jahren fing alles an. Zufälle gibt‘s!

Aber was heißt hier eigentlich verschwendet? Ich trete, über mich selbst empört, gedanklich einen Schritt zurück. Die göttliche Rabāb mit dem göttlichen Cello-Körper, das war doch der nackte Wahnsinn! So ermahne ich mich und frage: Worin, bitte schön, soll denn da die Verschwendung liegen? Das Gegenteil ist der Fall! Ich hätte alles gegeben, alles, hätte alles hingegeben, wirklich und wahrhaftig alles, am liebsten mein ausgelebtes Sekundärmenschenleben, um nur ein Mal, ein einziges Mal, auf diesem Cello spielen zu dürfen, die Saiten sanft zum Schwingen bringend, dem göttlichen Körper resonante Töne entlockend.

Die göttliche Rabāb streicheln und sterben, das wäre es gewesen! Die gelbe Leuchtschrift vor dem graubraunen Hintergrund meiner Schädelinnenseite beginnt wieder zu flackern, als wäre die zuführende Stromleitung defekt. Ich höre sogar ein neuronales Knistern. Das kann nicht lange gutgehen, denke ich, und überhaupt: Der gläserne Mensch – was soll der Unfug?

Andererseits, entgegne ich mir beschwichtigend, ist Glas durchaus ein exzeptioneller Stoff, so wie Blut ein ganz besonderer Saft ist. Das mit dem Blut, jaja, das wissen alle. Aber Glas? Glas wird unterschätzt, nein, es wird ignoriert! Es ist einfach da. Man guckt einfach hindurch.

Du bist ein alter Bock, flüstert mir eine Frauenstimme zu, vermutlich eine Nachwuchswissenschaftlerin, eine Juniorprofessorin, ja, eine Quotenfrau, von Ehrgeiz zerfressen, unterstelle ich ihr, aber sie ist dummerweise klug oder jedenfalls schlau. Sie rechnet mir schlicht und korrekt mein Alter vor und bilanziert: Es fehlt nicht viel an Jahren, und du hättest Rabābs Großvater sein können!

In Wirklichkeit, glaube ich mich krampfhaft zu erinnern, ist Glas eine unterkühlte Flüssigkeit, eine eingefrorene Schmelze, ein Festkörper, der aus der thermodynamischen Balance geraten ist. Es handelt sich also um amorphe Materie. Ich beginne mit Begriffen zu jonglieren, die ich vom Hörensagen kenne, und füge, um mich gegen die Peinlichkeit eines Fehlgriffs zu wappnen, mehrfach hinzu: Wenn ich mich recht erinnere!

Vielleicht könnte ich etwas für dich tun, zischt mir die Quotenfrau zu. Eine Schlange, denke ich, das ist des Pudels Kern! Und seit wann duzen wir uns eigentlich?

Ich entscheide mich zum Angriff, denn das ist immer die beste Verteidigung, wie mich Major K. gelehrt hat. Ich wende mich also offensiv an das Publikum, das mich mittlerweile neugierig umringt, von der unseligen Leuchtschrift und meinem rhetorischen Gaukelspiel angelockt: Nehmen Sie zum Beispiel reines Quarzglas!

Angelockt ist falsch, fällt mir ein, die Leute müssen schon vorher dagewesen sein. Warum auch nicht? Die Frau ist ja auch hereingekommen! Eingedrungen, verbessere ich mich, lasse die Frage nach dem Warum aber auf sich beruhen. Reines Quarzglas, fahre ich fort, also amorphes Siliciumdioxid, können Sie erhitzen, bis es rot glüht, und dann ohne Vorwarnung ins Nordpolarmeer tauchen. Es wird nicht zerspringen!

Reines Quarzglas, versuche ich mich an einer Anapher, findet kaum zufällig in Kontrollfenstern von Hochöfen Verwendung, jenen neuzeitlichen Zauberkesseln, in denen wahre Höllenfeuer angeblasen werden – Feuer, die ohne nennenswerte Schwierigkeiten oder den Einsatz eines Pürierstabes sogar australisches oder brasilianisches Eisenerz in blubbernde Kürbiscremesuppe verwandeln.

Es gab eine Zeit der Himmelsritte, wage ich einen kühnen Sprung, da bestanden die Fenster von US-Space-Shuttles ebenfalls aus reinem Quarzglas. Das war eine typisch menschliche Vorsichtsmaßnahme angesichts der extremen Temperaturunterschiede, die im Weltraum herrschen, wobei dem Raum an sich natürlich überhaupt keine Temperatur zukommt, sondern nur der Materie und der Energie, die in ihm vorhanden sind, die also existieren, warum auch immer.

Das ist zu vage, merke ich, das mögen die Leute nicht. Alte Regel für Beifallheischende: Schillernd sprechen, den Inhalt auffächern wie einen Regenbogen, in dem jeder seine Lieblingsfarbe wiedererkennt, aber nie wolkig werden! Und wirklich: Ich vernehme ein erstes Murren. Zum Glück, muntere ich mich auf, bist du ein geschulter Vortragsredner, ein emeritierter Profi, wie die Madame zu scherzen pflegt. Wäre doch gelacht! Ich gebe mich also unbeeindruckt:

Nehmen Sie die kosmische Mikrowellenhintergrundstrahlung, die infolge des Urknalls das gesamte Weltall durchzieht! Sie misst minus 270 Grad Celsius, leicht aufgerundet. Wir Menschen sprechen in solchen Fällen von Kälte, gern auch liebevoll pöbelnd von Schweinekälte, obwohl wir es, genau genommen, selbst am absoluten Nullpunkt, bei minus 273,15 Grad Celsius respektive 0,00 Grad Kelvin, nur mit der Abwesenheit von Wärme zu tun haben, so wie Dunkelheit nichts anderes ist als die Abwesenheit von Licht, auch wenn der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe in seiner berüchtigten Farbenlehre von Experimenten mit Finsternisstrahlen berichtete, mit deren Hilfe er den längst verstorbenen, aber posthum unanständig populäreren Sir Isaac Newton widerlegt zu haben meinte.

Warmer, aufmunternder Applaus: Goethe geht immer!

Ich vermute, der gute Goethe, der in seinem herzoglich-piefigen Weimar festsaß wie Urmel im Eis, wollte dem weithin gerühmten Briten, den in London [!] eine leibhaftige Königin [!!] zum Ritter [!!!] geschlagen hatte, einfach mal ans skelettierte Bein pinkeln. Leider ging das in die eigene Hose. Er war halt kein Physiker, der Goethe, sondern Dichter, und man sollte es in der Dichtkunst mit der Wissenschaft nicht übertreiben. Umgekehrt gilt das selbstverständlich auch.

Newton zum Beispiel, das wissen die wenigsten, versuchte sich nach Feierabend geradezu faustisch als Alchemist, ja, der Sir forschte wie manisch nach dem Stein der Weisen, etwa so, wie Captain Ahab später den weißen Wal jagte. In eingeweihten Kreisen galt Newton sogar als Magier, historisch betrachtet als Der letzte Magier, bevor es endgültig ernst wurde und die Aufklärung über Europa hinwegbrandete, eine Heimsuchung, weit mörderischer als die Pest-Pandemie von 1347 ff. oder der Dreißigjährige Krieg. Am Ende starb sogar Gott.

Lebhafte Lacher, kräftiger Applaus: Gott zieht noch besser als Goethe!

Wie dem auch sei, denke ich, das Likörcello unverändert am ausgestreckten Arm verhungern lassend, jedenfalls fehlt es in den Weiten des Weltalls an Wärme, und das sage ich dann auch so, in den ausklingenden Beifall hinein. Scheint allerdings, nach dem Austritt aus dem Erdschatten, die Sonne auf die Fenster eines orbital kreisenden US-Space-Shuttles, dann erhitzt sich das Glas aus dem dreistelligen Minusbereich rasend schnell auf 120 Grad Celsius – plus, wohlgemerkt!

Für unser Quarzglas sind das aber Peanuts. Der Transformationspunkt von amorphem Siliciumdioxid, i. e. reines Quarzglas, liegt bei 1130 Grad Celsius, und da kann von Sieden und Verdampfen noch längst keine Rede sein, nicht einmal von Schmelzen, denn Glas schmilzt nicht gleich dahin wie verliebte Frauen, sondern wird erst einmal weich, wenn es zu warm wird. Es verformt sich, etwa so wie verliebte Männer.

Das Publikum schnurrt einträchtig, wie ein zufriedener Kater. Jetzt habe ich sie also, denke ich, wie immer. Du kannst es noch! Der Rest ist Formsache. Schlussakkord und Abgang! Alles ist wie immer.

Unter normalen Umständen, resümiere ich und setze zum Crescendo an, halten die Fenster eines US-Space-Shuttles also problemlos durch. Hätten durchgehalten, muss es natürlich heißen, hätten! Denn ist der Hitzeschild der Tragflächen defekt wie weiland 2003 bei der Columbia, dann nützt alles Siliciumdioxid nichts. Dann war’s das. Dann zerlegt sich der Shuttle samt Astronauten beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre in seine Einzelteile. Dann rollen Köpfe, wie man so sagt.

Und damit nicht genug! Explodiert nach dem Start eines Shuttles der Außentank wie 1986 bei der Challenger, dann war’s das schon viel früher. Dann bekommt unser Quarzglas nicht einmal die Chance, sich im All zu bewähren. Dann kann man, wenn man will, von einem Fehlstart sprechen, vielleicht sogar von einem veritablen Fehlstart. Dann regnet’s verkohlte Knochenreste. Zurück bleiben Energie und Materie, warum auch immer, und zwar unter dem Strich ohne jeglichen Verlust oder Gewinn. Es ist und bleibt ein Nullsummenspiel. Verrückt, oder?

So frage ich mich und mein Publikum, das plötzlich betreten schweigt. Ich habe mich vergaloppiert, merke ich, geradezu goethesk. Geradezu finsternisstrahlenmäßig, ergänze ich und gestehe mir ein: Ich habe mich in etwas verbissen. Der gläserne Mensch, das ist aber auch ein heikles Thema, halte ich mir zugute. Der Schriftzug flackert inzwischen wie eine erschöpfte Lichtorgel. Mir bleibt ein letzter Trick:

Schon Albert Einstein, erkläre ich im Brustton des Besserwissers, glaubte beweisen zu können, dass es sich bei Energie und Materie im Wesentlichen um ein und dasselbe handelt. Nimmt man Einsteins theoretische Physik ernst, wofür es durchaus Gründe gibt, dann existiert —

Lassen wir das! Das ist alles hinlänglich bekannt, denke ich angewidert. Ich wollte mich doch an etwas völlig anderes erinnern.

Ja, das wolltest du, zischt die Juniorprofessorin und spricht aus, was ich nur denke: Du wolltest dich an Uli von Sinnen erinnern und an Rabāb, ja, vor allem wolltest du dich an Rabāb erinnern, an die göttliche Rabāb mit dem nackten Wahnsinnskörper! Vielleicht solltest du für alle Fälle ein Taschentuch bereithalten.

Raus!!!

Jetzt brülle ich, fast wie der Major, nein, schlimmer. Mir fehlt die Souveränität des geübten Kriegers, für den das Leben der Güter höchstes nicht ist. Also los, denke ich trotzig, es ist allerhöchste Zeit, mit dem Erinnern endlich anzufangen, du hast die 70 bereits deutlich hinter dir gelassen. Da ist noch ein bisschen Kraft in dir, rede ich mir ein, spüre aber plötzlich meinen völlig entkräfteten Likörcelloarm und begreife: Da kommt nicht mehr viel. Deine Sehnsucht kannst du bestenfalls noch in der Erinnerung ausleben.

Das Publikum wendet sich ab, nicht böswillig, nicht Buh rufend, aber zu Recht enttäuscht, und schon erlischt die Leuchtschrift vor meinem inneren Auge endgültig. Im selben Moment spüre ich eine Hand am Ellenbogen meines Likörcelloarms und höre Major K. grüßen: „Guten Morgen, Professor!“ Die Madame, die mir den schweißnassen Rücken tätschelt, raunt mir im Souffleurton zu: „Guten Morgen, mein Lieber!“

Dem Major fällt es nicht schwer, meiner blutleeren, kalt zitternden Hand die Flasche zu entwinden und sie ohne weitere Umstände zu entsorgen. Ein kompromissloses Klirren bestätigt mir, dass Rabābs Wahnsinnskörper nicht aus reinem Quarzglas bestand, dass die göttliche Rabāb auch nur ein Mensch war, ein zerbrechliches Wesen noch dazu. Mit übereifriger Unterstützung der Madame führt mich der Major auf den Boden der Tatsachen zurück, das heißt, die beiden fassen mich jeder an einem Arm und geleiten mich über die Straße auf das Gelände unserer Residenz, als wollten sie mich abführen, ohne mir Handschellen anlegen zu müssen.

„Sie haben uns lange keine Geschichte mehr erzählt, mein Lieber“, sagt die Madame, vermutlich um mich abzulenken, vielleicht sogar aus Angst vor einem Gefühlsausbruch. „Ich habe Rhabarberkuchen gebacken. Kommen Sie doch heute Nachmittag vorbei! Ich brühe eine Kanne Bohnenkaffee auf, und unser guter Major wird sich sicher auch nicht nötigen lassen.“

„Es ist ja nicht so, Gnädigste“, entgegne ich erschöpft und entsprechend kompromissbereit, „dass ich die Existenz des Zufalls für ein konstitutives Element unserer Weltordnung hielte. Es gibt Zufälle, das ist überhaupt keine Frage. Die gesamte Quantenphysik lebt davon. Aber spätestens seit dieser Geschichte mit Uli von Sinnen weiß ich, dass das, was wir Menschen für Zufall halten, kein Zufall sein kann.“ In mir flackert eine letzte Leidenschaft auf. „Verstehen Sie?“, frage ich und rufe: „Ich weiß das!“

Leiser füge ich hinzu: „Sie hätten mir nicht mit Shaw kommen dürfen, Gnädigste! Ich glaube nicht an Zufälle, das ist schrecklicher Unsinn, ganz grauenhaft.“

„Ach, Uli von Sinnen, das müssen Sie uns erzählen, Professor!“, frohlockt die Madame, die in ihrem Wesenskern nichts als eine Frau ist, und fährt sich genießerisch mit der Zungenspitze über die kirschroten Lippen. Eine Mischung aus Kuchen und Geschichten ist ihr Lebenselixier.

„Eigentlich ist es eher die Geschichte von Rabāb“, korrigiere ich mich. Aber der Zufall wollte es nun einmal so, dass von Sinnen in den Besitz der Bombe gelangt ist.“

„Bombe!??“, brüllt der Major, und auch die Madame explodiert: „O ja, o ja, das müssen Sie uns erzählen, mein Lieber, unbedingt! Es gibt auch frische Schlagsahne.“

„Ich bin ein wenig angegriffen“, erkläre ich, als wir den Fahrstuhl erreichen, und es gelingt mir mit knapper Not, das Kaffeekränzchen auf den Sonntag zu verschieben, bevor ich Richtung Treppe von dannen stiefele, um eine Stärke zu demonstrieren, die nicht existiert. Ich betrete meine Wohneinheit, schließe mich ein und lasse mich in einen Sessel sinken. Mich selbst eingeschlossen, denke ich, ja, die Menschen werden auch immer verwirrter.

Inzwischen ist es Abend geworden. Die Madame, mit dem Major im Schlepptau, hat noch zweimal vorbeigeschaut, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. „Nehmen Sie das nicht auf die leichte Schulter, mein Lieber“, ermahnte sie mich und rechnete mir vor: „Sie hatten schon zwei Infarkte. Sollen wir nicht doch einen Arzt rufen?“ Der Major räusperte sich verlegen und brummte: „Besser wär’s, Professor, besser wär’s.“ Ich schüttelte den Kopf und winkte ab.

„Sie haben so einen unguten Hang, die Dinge auf die leichte Schulter zu nehmen, mein Lieber“, wiederholte die Madame.

Sie hat recht. Aber wie auch anders? Ließe ich die Dinge an mich heran, dann würde mich die ungestillte Sehnsucht meiner 74 Lebensjahre aufzehren, diese alles verzehrende Sehnsucht, die nicht mehr gestillt werden wird, nie mehr.

 

HINWEIS: Bei diesem Text handelt es um eine Einstiegsvariante zu dem letztlich verworfenen verworfenen Roman-Projekt, zu dem auch der Text Die fünfte Kategorie gehört.