20170131_105933
Aus nichtigem Anlass
26. Januar 2017
Rabab

D er Tag, an dem Rabābs größter Traum in Erfüllung ging, begann in dichtem Nebel, einem Nebel vom Typ Waschküche, wie Mama Nuri zu sagen pflegte. Mama Nuri liebte deutsche Sprachbilder. Advektionsnebel war der Begriff, den sie im Institut verwendeten, ein Heranführungsnebel also, wie er in der herbstlichen Elbmarsch keine Seltenheit war. Feuchte Warmluft wallte vom Fluss herüber und traf auf die Kälte, die störrisch über dem graubraunen Land lag und die Warmluft zu einem Bekenntnis zwang, zur Kondensation, wobei warm natürlich relativ war, an einem 2. November. Rabāb gefiel der Name Berührungsnebel am besten, nicht nur, weil dieser Nebel die Erde mit dem Himmel vermählte, sondern weil er sich auch um Rabāb selbst legte, ihren Leib umschmeichelte, unter die Haut kroch und ihre Seele streichelte.

Sichtweiten unter 50 Meter hielt Rabāb allerdings für einen Mythos. „50 Meter sind von hier bis da“, hatte Papa Said ihr früh erklärt und dabei aus dem Fenster gezeigt, ins Nichts. Der Verkehrsfunk trug gezielt zur Legendenbildung bei, so wie jetzt, um 6:33 Uhr, da der Sprecher Sichtweiten unter 50 Meter in der Wilstermarsch möglich nannte. Möglich war vieles, aber sie hatte noch immer von einem Katzenauge aus das nächste gesehen, nur hier vielleicht nicht, dachte Rabāb, als sie den engen Schlingen der Stör folgte, wo es um diese Uhrzeit keinen Gegenverkehr gab.

Wenn auf dieser schmalen Landstraße morgens Autos fuhren, dann zur B 5 hin und zur A 23. Alle wollten nach Hamburg, so wie Rabāb, die noch vor 8 Uhr im Institut sein musste. Geographen waren Frühaufsteher, aber auch die Nebelschlussleuchte vor ihr war schon unterwegs, auch ziemlich flott, dachte Rabāb, als die Schlussleuchte plötzlich nach links ausscherte, obwohl es dort keine Straße gab, sondern nur einen Knick, Marschland und Nebel, in dem sich die Schlussleuchte vom Boden löste und unbegreiflich langsam verglühte, in extremer Zeitlupe, wie die Kugel aus einer Seenotsignalpistole.

Die Zeitverzögerung half Rabāb, unbegreiflich schnell zu reagieren. Schon hielt sie in der Einfahrt zu einem Feldweg, riss die Notfallausrüstung aus dem Kofferraum, pflanzte das Warndreieck auf und rannte auf Strümpfen durch einen Morast, in dem auch ohne Pumps keine Trommelschritte möglich waren, aber wichtiger war im Nebel ohnehin die richtige Richtung, West-Nord-West, das wusste Rabāb intuitiv.

Sie war ein Kind der Marsch, selbst mit 29 Jahren noch, und sie würde es immer bleiben. Rabāb war nicht nur in der Marsch geboren, weil sich Mama Nuri in den Namen Glückstadt verliebt hatte. Rabāb war ein Stück Marsch. Das wussten alle. Im Institut hatten sie ihr den Titel Dr. Marschmallow verliehen, weil die schlanke junge Doktorin mit den Resten von Babyspeck im Gesicht, den großen schwarzen Knopfaugen und der spitz zulaufenden Mausenase einfach süß aussah. Das fanden alle.

„Marschmallow? Das ist aber ein schöner Name! Mallow heißt Malve“, sagte Mama Nuri, die ihre Tochter eigentlich Barbara hatte taufen wollen, aber Papa Said hatte ein Veto eingelegt.

Rabāb bestand nur noch aus Herz und Lunge, als sie das Auto mit der erloschenen Schlussleuchte erreichte, das auf dem Dach lag. Im Innern war ein offener Airbag zu sehen und „vermutlich eine Person“, wie sie der Leitstelle mitteilte, Puls und Atmung kontrollierend wie eine Biathletin am Schießstand: „Ich leiste jetzt … erste Hilfe … Fragen? Gut.“

Kein Gurt zu lösen, Wahnsinn! Oder Absicht? Zerren, zerren, Rautekgriff, noch mal zerren, und dann lag die leblose Frau auf dem Marschboden. Der Hinterkopf senkte sich in den Schlamm, von blonden Strähnen gerahmt, tot, das wusste Rabāb sofort, die ihren Mantel trotzdem zwischen Erde und Kopf schob. Kein Puls zu fühlen. Kein Atem zu spüren.

Sie griff nach der Verbandsschere und schnitt den dicken Wollpullover auf, schon wie ferngesteuert, als sie plötzlich ihren allerallerliebsten Kindergartenfreund Jonas fragen hörte: „Wovon träumst du, Rabāb?“ Sie schwieg. „Ich will später die Olympiade gewinnen.“ Sie schwieg eisern. Dann aber brach es aus ihr heraus. Sie schrie Jonas an: „Ich werde später einem Menschen helfen, damit er weiterleben kann, wenn er schon tot ist! So wie Oma Ulima.“

081Rabāb löste sich in ihren Erinnerungen auf und verschmolz mit dem Berührungsnebel. Ihre Seele kondensierte und legte im neuen Aggregatzustand den rechten Handwurzelknochen auf das Brustbein der Toten, die linke Hand darüber, und dann drückte sie zu, aus den Schultern heraus alle Kraft auf diesen einen Körperpunkt konzentrierend, zehn Mal, 20, 30. Flüchtig küsste Rabāb der Frau auf den Mund, küsste sie wirklich, bevor sie ihr zweimal Atem einhauchte, sich wieder aufrichtete und die Herzdruckmassage fortsetzte, schnell, präzise, fehlerlos, wieder bis zur 30, zwei Atemspenden, und weiter, immer weiter. Sie bemerkte den Mann kaum, der neben ihr auftauchte, mit einer Taschenlampe fuchtelte und Richtung Straße brüllte, während Rabāb eine Tote rettete.

Jemand zog sie zurück. In einem irrwitzigen Moment spürte Rabāb, wie sich in ihr Himmel und Erde berührten. Die beiden klatschten einander ab wie nach einem Olympiasieg. Die Isolierfolie, die sich um ihre Schultern legte, nahm Rabāb schon nicht mehr wahr, nur das blaue Flackern des Nebels und das Schmatzen des Marschbodens unter ihren Strümpfen, das wie ein Applaus klang, als sie sich dem grell leuchtenden Haus näherte, eher eine Hütte, die jemand am Straßenrand aufgebaut haben musste, feuerrot lackiert, verrückt!

Die Hütte verwandelte sich in ein Schloss, über dem ein mächtiger Adler seine Kreise zog. Rabāb spürte den Luftzug der gewaltigen Schwingen, aber da wurde sie auch schon emporgehoben. Jemand nahm sie auf seine starken Arme und trug sie in sein Gemach, wie eine Prinzessin. Er zwickte ihr noch einmal keck in den Arm und löschte das Licht.

Rabāb erwachte im Klinikum Itzehoe. Der schockartige Stress und die leichte Unterkühlung bescherten ihr einen November-Schnupfen, aber sie konnte schon nach einem Beobachtungstag das Krankenhaus verlassen und bei der Polizei ihre Aussage machen. Der Unfallhergang sei rätselhaft, erklärte der Beamte und versuchte, Rabāb mit seinem kriminalistischen Scharfsinn zu beeindrucken: „Es war definitiv kein technischer Defekt. Also ein Tier auf der Straße? Aber es gab keine Bremsspuren. Also Selbstmord! Aber bringt man sich als Schwangere an diesem Ort um, morgens um halb sieben? Vielleicht war sie abgelenkt, oder sie ist ohnmächtig geworden. Geht es Ihnen nicht gut?“

„Doch, doch, danke, es geht schon. Die Frau ist also tot, ja? Und sie war wirklich schwanger?“

„Um Gottes willen, nein! Sie lebt, meine ich. Und ja, sie ist schwanger, haben Sie das denn nicht bemerkt?“

Rabāb schüttelte den Kopf.

„Ja, ja, meine Liebe, Sie haben zwei Leben gerettet! Haben Sie das hier denn noch gar nicht gelesen?“ Der Polizist griff nach einer Zeitung, auf der die Zeile prangte: Tunesischer Schutzengel rettet Schwangere!

„Woher können Sie eigentlich so gut Deutsch?“, fragte er zum Abschied. „Sie sprechen ja wie eine von hier.“

Rabāb schnappte noch auf, dass die blonde Frau mit dem Hubschrauber in die Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf gebracht worden war. Sie fuhr dort vorbei. Der diensthabende Arzt lobte sie ausgiebig für ihren vorbildlichen Hilfseinsatz, bevor er ihr leider mitteilen musste, dass die Frau am frühen Morgen doch noch verstorben war.

„Und das Kind?“, schrie Rabāb, wie damals, bei Jonas.

Der Arzt betrachtete lange seine Finger und schien sogar einen Trauerrand unter den Nägeln entfernen zu wollen, beherrschte sich aber gerade noch und sah auf, direkt in Rabābs schwarze Augen. „Der Junge lebt, vorerst. Bei einer Frühgeburt im sechsten Monat sind aber Komplikationen nie auszuschließen, noch dazu nach einem Unfall.“

„Darf ich ihn sehen?“

Rabāb blieb über Nacht. Sie saß vor dem Brutkasten mit dem Säugling, der aussah wie ein winziger nackter Vogel im Nest. Eine Schwester plauderte aus, dass der Name des Vaters unbekannt sei. „Die Frau hatte auch keine Eltern mehr oder Geschwister. Sie war wohl ganz allein auf der Welt.“

„Hat denn das Kind einen Namen?“, wollte Rabāb wissen.

„Wir nennen ihn Jonas.“

Rabāb lächelte zum ersten Mal seit zwei Tagen. „Das ist gut“, sagte sie. „Das ist sogar sehr gut!“

Rabāb durfte am Abend wiederkommen, und sie kam auch danach immer wieder, so oft sie nur konnte, bis Jonas starb, am 28. Dezember, im Alter von acht Wochen. Rabāb übernahm die Pflege des kleinen Grabes.

 

HINWEIS: Mit diesem Text habe ich mich für den Walter-Kempowski-Preis 2017 beworben – und es immerhin in die Endrunde der besten 28 geschafft. Für eine Nominierung hat es dann leider nicht mehr gereicht.