panikherz
Das Nichts auskotzen
21. Oktober 2016
Tokarczuk(k)
Taram taram tamtam
24. Januar 2017
cohen

S o viel Abschied war selten. Diesen Satz hatte ich mir bereits für eine kleine Besprechung von Leonard Cohens neuer CD You want it darker zurechtgelegt, als der gute Leonard am 7. November mit 82 Jahren tatsächlich das Zeitliche segnete. Am Vorabend der US-Präsidentenwahl! Das kann kein Zufall sein.

Angesichts der Lage verkneife ich mir gekünstelt-kluge Kommentare zu Cohens letzter Platte. Ich finde Musik-Kritiken ohnehin immer schwierig, weil Musik nun einmal viel mit Resonanz zu tun hat. Entweder etwas schwingt mit, oder es schwingt nicht mit. So einfach ist das. Der Sound geht so:

 

 

Mit Leonard Cohen verband mich früh ein Resonanz-Verhältnis. Mein Patenonkel schleppte irgendwann Mitte der Siebziger eine LP an. Da war ich sieben oder acht Jahre alt, und es waren bereits Cohens Greatest Hits, angefangen bei Suzanne über So long, Marianne bis zum Famous Blue Rain Coat und dem grandiosen Last Year’s Man.

Das waren alles grandiose Songs, aber als Greatest Hits eben auch irgendwie vorbei: groß, aber große Geschichte, und das hat wohl auch Cohen gewusst, der sich bekanntlich immer wieder neu erfunden hat, wie man so sagt, obwohl das wahrscheinlich Unsinn ist. Man wird älter, die Welt verändert sich, und also macht man Dinge anders. Weil die Dinge anders sind.

Meine Lieblingsplatten von Cohen waren nach den Greatest Hits natürlich I’m Your Man und später die Ten New Songs. Das berühmte Hallelujah ging an mir vorbei, und auch wenn ich es heute höre, geht es an mir vorbei. Da schwingt nicht viel mit, anders als jetzt wieder, bei You want it darker.

Ja, so viel Abschied war selten! I’m leaving the table / I‘m out of the game … I’m ready, my Lord … I wish there was a treaty / Between your love and mine … Viel Gottesbeschwörung, viel Vermächtnis, vielleicht zu viel, aber es passt. Bei Cohen passt es, bei meinem Cohen, siehe oben: resonante Schwingungen.

Am besten war mein Cohen immer dann, wenn er die Absurdität des Lebens heraufbeschworen hat, im Camusschen Sisyphos-Sinn, wenn man so will, obwohl der Gottsucher Cohen das wahrscheinlich eher nicht gewollt hätte. „I fought against the bottle, but I had to do it drunk” (That don’t Make it Junk, 2001) erinnert mich doch sehr an den ewigen Felsenwälzer in der Unterwelt, den sich Camus als glücklichen Menschen vorstellte. Oder noch besser: „I can’t forget, but I can’t remember what.”

 

 

Das sind typische Textstellen für Cohen, der bekanntlich als Dichter begann und poetische Musik machte. Als er es am Ende noch dunkler wollte, da ging er im richtigen Augenblick.

Bevor es finster wird.