Nichts als Nazi-Zeit

Bei der Vergabe der deutsch-polnischen Journalistenpreise stand die Vergangenheit im Vordergrund. Die Zukunft spielte nur eine Nebenrolle.

Immer wieder geht der Blick zurück. Wenn Deutsche und Polen zusammenkommen, dreht sich irgendwann doch wieder alles um die Nazi-Zeit und den Zweiten Weltkrieg. Diesen Eindruck jedenfalls haben die deutsch-polnischen Medientage in Dresden bei mir hinterlassen. Wichtigster Tagesordnungspunkt war dort die Verleihung des deutsch-polnischen Journalistenpreises.

An den „Weltkriegs-Stücken“ führt kein Weg vorbei
Brückenbauer zwischen den Völkern will die Auszeichnung würdigen. Hmmm. Ist es eigentlich Aufgabe von Journalisten, Menschen zusammenzuführen? Nun gut, ein wenig vielleicht schon. Wirklich unangenehm fiel mir allerdings die Häufung der nominierten Beiträge auf, die sich mit den Jahren 1939-45 und den Folgen beschäftigten. Gleich in zwei Kategorien gewannen sogar die „Weltkriegs-Stücke“. Eine polnische Geschichtsreportage über das Schicksal der Deutschen auf Usedom im Sommer 1945 holte den Print-Preis. Und eine deutsch-polnische Dokumentation über die Arisierungspolitik der Nazis in Westpolen siegte im Fernseh-Wettbewerb. Nur beim Radio kam ein gegenwartsbezogenes Krakau-Feature zum Zuge.

Haben wir keine anderen Sorgen?
Gegen die Qualität der Werke ist sicher nichts einzuwenden. Und natürlich muss man hellhörig werden, wenn Preisträger Klaus Salge vom unangenehmen Anruf einer Zuschauerin berichtet. Mit seinem Film über die Arisierung Posens sei er „den Polen ganz schön auf den Leim gegangen“, habe die Dame gelästert. Solange es solche Anrufe gebe, sagt der Fernsehmann, brauche man Filme über die Nazizeit. Ja, braucht man! Aber haben wir wirklich so wenige andere spektakuläre Themen (und Sorgen), dass die „Weltkriegs-Stücke“ alles dominieren?

Was ist mit den Jungen?
In einer der Diskussionsrunden fragte eine Kollegin aus Sachsen, wie man denn bloß ein junges Publikum für die deutsch-polnische Sache begeistern könne. Die Antwort blieb aus.

Die Zukunft wird beschworen, die Vergangenheit thematisiert
Stattdessen stellte die Krakauer ommunikationsforscherin Agnieszka Szymańska eine Studie vor, derzufolge historische Themen in der deutsch-polnischen Berichterstattung über das jeweilige Nachbarland eine überproportional große Rolle spielen. Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach zieht offenbar noch immer mehr Aufmerksamkeit auf sich als – nur zum Beispiel – die Frage des polnischen Beitritts zum Euro-Raum (zeitgleich mit den Medientagen warnte Polens Premier Donald Tusk in Brüssel vor einer Spaltung der EU, wenn nicht alle Mitgliedsländer der Währungsunion beitreten dürften). Da klingt es dann auch wenig glaubwürdig, wenn auf einer Plattform wie den Medientagen immer wieder die herausragende Rolle des deutsch-polnischen Verhältnisses für die Zukunft Europas beschworen wird. Noch kümmern sich zu viele zu oft nur um die Vergangenheit – und eben nicht um die Zukunft.

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  1. Pole sagt:

    Es sollte endlich einen deutsch-polnischen Fernsehsender geben, nach dem Vorbild von ARTE, und man sollte aufhören, ständig nur über Masuren, Pommern und Schlesien zu berichten. Wenn man sich die Polen-Berichterstattung im TV anschaut, dann sieht man nur Störche und deutsche Backsteingotik. Und Polen bzw. “die Polen” kommen höchstens als Staffage vor. Es sind meistens irgendwelche Rentner beim Fischen oder Fahrradfahren bzw. die obligatorische Kopftuchoma, vor ihrem Haus sitzend…

    Die polnische Kunst, Musik, Film, Architektur, Geschichte (ohne WK II), Wirtschaft usw. ist in Deutschland noch immer völlig unbekannt. Über England und Frankreich lernt man dagegen doppelt. Ein mal im Geschichtsunterricht und ein zweites mal im jeweiligen Sprachunterricht…

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