Knobloch: „Notfalls bleibt der Stuhl von Frau Steinbach eben leer“
Zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar war die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, in der Flensburger Marineschule zu Gast – Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch über die deutsche Erinnerungskultur, den Demjanjuk-Prozess und den Vertriebenenstreit.
Den Holocaust-Gedenktag gibt es in Deutschland erst seit 1996. Hat das Datum der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz seinen Platz in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik trotzdem bereits gefunden?
Charlotte Knobloch: Absolut! Die vielen Veranstaltungen zu diesem Datum zeigen, dass sich der Gedenktag selbst dann halten wird, wenn es keine Zeitzeugen des Holocaust mehr geben wird. Mein Treffen mit den jungen Soldaten in Flensburg ist doch der beste Beleg dafür. Wir müssen die Erinnerung weiterreichen.
Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk in München, der ja einer der letzten dieser Art sein dürfte?
Das Verfahren genießt eine riesige Aufmerksamkeit, und das liegt nicht an der Sensationsgier der Menschen. Der Prozess ist ein zentraler Vorgang bei der Aufarbeitung unserer Geschichte.
Muss man einen 89-Jährigen wirklich noch vor Gericht zerren?
Es geht nicht darum, dass ein alter Mann verurteilt wird. Es geht darum, dass noch einmal – vermutlich ein letztes Mal – von Zeitzeugen aufgezeigt wird, wie es wirklich war in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern.
Auch im Streit um das in Berlin geplante „Sichtbare Zeichen gegen Vertreibungen“ geht es um den „richtigen“ Umgang mit der deutschen Geschichte. Wie bewerten Sie die Debatte?
Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach hat sich in der Vergangenheit immer wieder für eine Gleichstellung des Leids aller Opfergruppen des Zweiten Weltkriegs ausgesprochen. Das birgt die Gefahr einer Relativierung der Geschichte. Das Schicksal der Vertriebenen und die Verbrechen der Nazis dürfen niemals gegeneinander aufgerechnet werden. Es darf hier keinerlei Zweideutigkeiten geben.
Frau Steinbach, die ja auch in Polen sehr kritisch gesehen wird, verlangt einen Sitz im Stiftungsrat und stellt für einen möglichen Verzicht Bedingungen. Der Einfluss der Politik müsse zurückgedrängt, der Einfluss der Vertrieben gestärkt werden…
Das ist schlicht inakzeptabel. Manch einer sieht in diesen Forderungen sogar einen Erpressungsversuch. So weit möchte ich nicht gehen. Dennoch sollte die Bundesregierung in dem Streit mit Frau Steinbach hart bleiben. Ich fürchte deshalb, dass das Thema Steinbach uns noch länger beschäftigen wird.
Eine Kompromisslösung sehen Sie nicht?
Ich wüsste nicht, wie eine solche Lösung aussehen könnte, solange Frau Steinbach keinerlei Einsicht zeigt. Notfalls muss ihr Stuhl im Stiftungsbeirat eben leer bleiben.