Glück und Grenzen der Freiheit
Die baltischen Staaten gehören seit fünf Jahren zur Europäischen Union. Da sie Teil des Schengen-Raums sind, gibt es dort auch keine Grenzkontrollen mehr. Allein die russische Exklave Kaliningrad erinnert an das, was doch eigentlich finstere Vergangenheit ist. Letzter Teil meiner Reisebeobachtungen: Grenzgänge.
Wenn das Bestechungsgeld fehlt
Vor ziemlich genau 16 Jahren habe ich auf der Rückreise von Sankt Petersburg nach Kiel zum ersten Mal das Baltikum durchquert. Oder besser: passiert. So muss man das wohl sagen, denn wir saßen in einem Linienbus, der in Tallinn abfuhr und alle drei jungen baltischen Republiken, ja, passierte. An allen Grenzen kontrollierten die Beamten damals scharf. Am schlimmsten war es am Übergang zwischen Litauen und Polen, wenn ich mich recht entsinne. Der Bus fuhr jeweils auf eine Rampe, so dass er buchstäblich untersucht werden konnte. Schließlich gab es bei der Ausreise aus Litauen ein Problem, weil meine Freundin und ich russische Visa hatten. Die gesamte rund 40-köpfige „Busladung” musste knapp zwei Stunden auf uns warten, bis wir die bürokratischen Wirren gelöst hatten. Für die Dollar-Variante, sprich: Bestechung, fehlte uns als Studenten schlicht die Kohle. Es war ein mieser Trip.
Die grimmigen Grenzhüter sind verschwunden
Die Rampen bzw. die Löcher, auf die unser Bus damals fahren musste, existieren noch. Ruinenhaft zumindest. Ich habe auf meiner Reise zwei verlassene Grenzübergänge zwischen Lettland und Litauen, naja, passiert. Von den Wachhäuschen blättert der Putz ab. Freie Fahrt. Es ist ein unglaubliches, ein riesiges Glück, dass wir diese europäische Einigung hinbekommen haben. Ich steige mit dem Personalausweis in Hamburg in den Flieger, lande in Riga und kann mich frei in all diesen Regionen bewegen, wo einst grimmige Grenzhüter Furcht und Schrecken verbreiteten.
Ein fieser Fremdkörper
In all diesen Regionen? Leider nicht. Wenn man im litauischen Teil der Kurischen Nehrung unterwegs ist, weisen Schilder alsbald auf die nahe Grenze zu Russland hin. Das „Gebiet Kaliningrad”, wie es so schön heißt, bleibt ein Fremdkörper in dieser wundervollen Landschaft. Exklave klingt schon fies. Und tatsächlich ist die russisch-europäische Grenze zumindest in der polnisch-baltischen Region eine Art Mahnmal. Sie erinnert an das Grauen von einst und macht zumindest mir um so stärker bewusst, was wir in Europa seit 1989 erreicht haben. Ich bin glücklich in meinen Flieger zurück nach Hamburg gestiegen. ENDE
[...] Wer in solchen Diskussionen auf den Gedanken verfällt, mit dem europäischen Gedanken zu kommen, mit Völkerfreundschaft gar, mit Frieden, Freiheit und Wohlstand, der hat schon verloren. Das ist zu abstrakt. Eher schon hilft der Hinweis auf kilometerlange Staus an Grenzübergängen zur Ferienzeit. Inzwischen würde sich die Lkw-Kolonne an der Oder sicher bis Berlin zurückstauen, gäbe es den Schengenraum nicht. Überhaupt: der frei Güter- und Warenverkehr! Glaubt ernsthaft jemand, wir lebten in dem Wohlstand, in dem wir (immer noch) leben, gäbe es den EU-Binnenmarkt nicht? Die größten Profiteure des ganzen System sind wir Deutsche, die wir uns so gern als geschröpfte Nettozahler gerieren. Und ich persönlich empfinde Euphorie, wenn ich über Berlin und Warschau nach Vilnius fahren kann, grenzenlos. [...]